Meine erste größere Radreise war die Tour durch Böhmen (Tschechien) im Sommer 2006. Heute kommen mir die zurückgelegten Strecken und Steigungen gar nicht so übermäßig schwer vor, aber 2006 hatte ich weder den Hauch von Langstreckenerfahrung noch irgendwas mit Hügeln oder gar Bergen zu tun gehabt. Und von diesem Level aus betrachtet war die Tour für mich schon eine Herausforderung.
Tschechien hat mir als Radelland sehr gut gefallen. Die Beschilderung der Radwege ist deutlich besser als bei uns in Deutschland (das Radwegenetz ist lückenloser und die Beschilderung ist deutlicher und landesweit einheitlich), die Dichte an Lebensmittelläden und Campingplätzen lässt auch keine Wünsche offen, auch Fahrradteile sind in größeren Orten problemlos erhältlich. Die Menschen sind offen und hilfsbereit. Zudem ist Tschechien auch ein recht preiswertes Reiseland, sofern man sich von Prag fernhält.
Auf jeden Fall hat mich diese Reise mit dem Radreise-Virus angesteckt und mir auch erste Hinweise gegeben, was ich ganz gut gemacht habe, was ich - in Hinblick auf Planung, Ausrüstung, Gepäck etc. - besser machen kann und wie ich es besser machen kann.
Wer selbst eine Radtour in Tschechien planen möchte, findet hier einen guten Online-Radroutenplaner für das ganze Land.
Den von mir verwendeten Radreiseführer "Tschechien per Rad" (Cyklos-Verlag) kann man beispielsweise bei amazon.de bestellen.
Nachdem ich in den letzten Wochen alles, was mir gerade so eingefallen ist, auf diverse Listen und Zettel geschrieben habe, damit ich auch ja nichts wichtiges daheim vergesse, geht es heute ans Packen. Als alles so wild auf dem Teppich aufgetürmt ist, kommt es mir so vor, als müsse ich etwa sieben Kubikmeter Gepäck am Fahrrad irgendwie unterbringen. Natürlich braucht man Kleidung für verschiedene Witterungsverhältnisse, Zelt, Schlafsack, Isomatte, diversen Kleinkram rund ums Kochen (Kocher, Gaskartuschen, Koch- und Essgeschirr, etwas Salz, Brühwürfel, ein paar haltbare Vorräte wie Linsen, Reis etc. und und und), Landkarten / Fahrradatlas, Reiseführer, etwas Werkzeug und Rad-Ersatzteile; da ich aber auch noch neben der Radelei ein kleines bisschen „normalen Faulenzerurlaub“ machen will, muss ja neben der Badehose auch noch mindestens das große Badetuch mitgenommen werde (was dann im Urlaub irgendwie doch wegen der Witterung nie zum Baden benutzt wurde, mir aber jede Nacht zusammengerollt als Kopfkissen mindestens genauso wertvolle Dienste leistete). Mein Hang zum gelegentlichen Fotografieren erfordert dann noch die Mitnahme der Spiegelreflexausrüstung nebst Stativ (welches natürlich im ganzen Urlaub nicht benutzt wurde, aber Hauptsache, es wurde einmal per Velo durch Böhmen befördert). Aber nach etwas kreativem Herumräumen, das durchaus eine gewisse Ähnlichkeit hatte mit einer Live-Version von „Tetris 3D“, hat doch tatsächlich alles in bzw. an/auf die Taschen gepasst. Ich bin ja so stolz. Und es sieht jetzt trotz allem im Vergleich zu vorher richtig wenig aus. Ich habe es sogar geschafft, den kleinen Rucksack mit der Fotoausrüstung in den Taschen unterzubringen, dann habe ich beim Radeln nicht ständig so einen Schweißtreiber auf dem Rücken. Einzig die Werkzeugtasche, dieses kleine Ding, passt nicht dorthin, wo sie hingehört – unter den Sattel. Dies wird zuverlässig von der Anhängerkupplung verhindert. Da ich die nicht abmontieren möchte, findet sich in dem kleinen Strebendreieck des Tubus-Trägers für die vorderen Packtaschen ein Plätzchen fürs Werkzeug. Nicht gerade ein Hingucker, aber es passt.
Auf gehts! Da Fahrradabteile zumindest in älteren Zügen ja ab und zu die tolle Eigenschaft haben, nur über einen 40 cm schmalen Einstieg mit mindestens einem Meter Höhendifferenz erreichbar zu sein, und mein Fahrrad durch das ganze Gepäck nicht gerade schmal oder leicht ist, spare ich mir den ersten Umstieg und radle von daheim die 16 Kilometer bis Appenweier – zugleich eine gute Gelegenheit zu testen, ob das Gewicht halbwegs gut am Rad verteilt ist. Es nieselt leicht, die Temperaturen fühlen sich gar nicht nach August an – ist ja ein prima Einstieg. Irgendwas stimmt aber nicht, die Lenkung ist instabil und recht wackelig. Sieht für mich so aus, als sei vorne der Schwerpunkt zu hoch. Am Appenweirer Bahnhof packe ich also um – das Werkzeug verschwindet nach unten in eine der Packtaschen und die Lenkertasche wird auch noch nach unten hin etwas entlastet – und der Fotorucksack wandert auf den Rücken. Kurze Probefahrt: viel besser. Am Bahnhof noch schnell ein obligatorisches „Los gehts“-Foto unter dem Bahnhofsschild und schon kommt der Zug. Dieser fährt von Konstanz nach Karlsruhe, und da der Bodensee bei Radlern recht beliebt ist und es Sonntag ist, ist der erste Fahrradwagen rappelvoll, im zweiten gibt es noch ein kleines Restchen Platz, das bis zu meinem Eintreffen eine Art Durchgang gewesen sein dürfte. Ich stelle mich also neben mein Velo, halte es fest und hieve es irgendwie zur Seite, wenn jemand durch möchte. Auffallend oft möchte ein junger Mann an mir durch, der um den Hals ein regenbogenfarbenes Schlüsselband mit dem Aufdruck „100% Single!“ trägt und mich nach einem wissenden Blick auf den Regenbogenaufkleber an meinem Fahrrad anblinzelgrinst – sorry, Junge, bist absolut nicht mein Typ!
Der Ausstieg in Karlsruhe geht ruckzuck, denn jeder hilft jedem. Vor dem Lift drängt sich eine Menschenmenge, aber es geht dennoch schnell. Dafür bekomme ich dann beim Aufstieg zu Gleis 11 eine ungefähre Ahnung vom Gewicht meines Reisefahrzeugs, denn dort gibt es noch keinen Aufzug. Ich freue mich auf den ebenen Kopfbahnhof in Stuttgart. Und der Zug dorthin ist auch nicht so überlaufen mit Radlern, der Einstieg breit und eben, perfekt. So kann es weitergehen. Da stören mich auch die 1:40 Stunden Wartezeit in Stuttgart nicht mehr so sehr, zur Entschädigung geht es danach ohne Umstieg durch bis Nürnberg.
Stuttgart – klarer Fall von „zu früh gefreut“. Aussteigen, schon mal zu Gleis 16 gewechselt (rechtzeitiges Erscheinen sichert bekanntlich die besten Plätze für Rad und Radler) und brav auf die Ankunft des Zuges gewartet. Zwanzig Minuten vor Abfahrt erscheint dann die Abfahrtsanzeige – zusammen mit den Worten, die man als Radreisender mit der Bahn wohl am wenigsten gebrauchen kann: „Schienenersatzverkehr von Crailsheim bis Nürnberg“ - eine schöne Umschreibung für einen Pendelbus ohne Fahrradmitnahme. Grund für das ganze ist übrigens eine Baustelle, die man unbedingt am Wochenende des Ferienbeginns in Baden-Württemberg einrichten musste. Also mit Sack und Pack auf zum Fahrkartenschalter, pardon, zum DB Service Point. Nach einer für die Länge der Warteschlange erstaunlich kurzen Zeit komme ich an die Reihe und schildere mein Problem. Man suchte, tippte und druckte mir dann die einzig sinnvolle Verbindung aus. Die geht dann ab 14.32 Uhr (statt wie geplant 12.40 Uhr) weiter und führt über Donauwörth und Regensburg nach Schwandorf, von wo aus ein Zug dann weiter nach Furth im Wald fährt. Ankunft dort statt kurz vor 18 Uhr um 21 Uhr. Na super. Von Furth ist es noch etwa eine halbe Stunde per Rad nach Babylon, meinem ersten geplanten Campingplatz – mal schauen, vielleicht unterbreche ich auch in Schwandorf oder übernachte in Furth. Das entscheide ich dann vor Ort. Zum Glück bin ich als Einzelreisender ohne Buchungen und feste Pläne ziemlich flexibel. Die Fahrt Stuttgart – Donauwörth verläuft problemlos. Fitnessfördernd die bauliche Situation in Donauwörth: kein Lift, kein Gepäckband und die steinernen Rillen am Treppenrand sind so schmal und so nahe an der Wand, dass sie nur sehr bedingt dazu taugen, den Transport meines Rades zu erleichtern. Momentan trage ich mich mit dem Gedanken, am ehesten in Furth zu campen, um dann morgen an einem etwas weiter südlich gelegenen Grenzübergang (bei Eschlkam) etwas später als geplant auf meine erste Etappe zu stoßen.Regensburg. Knappe Umsteigezeit in die Vogtlandbahn nach Schwandorf. Zwei Minuten vor Abfahrt wird eine Gleisänderung durchgesagt. Aber es klappt, ich erreiche die Bahn. In Schwandorf dann erstmal in einen falschen Zug gestiegen – auf einem verschlafenen Provinzbahnhof ist es offenbar tatsächlich nötig, zwei nahezu zeitgleich abfahrende Züge in verschiedene Richtungen vom selben Gleis abfahren zu lassen. Ich fahre bis Furth. Auf dem Weg dorthin ziehen schwarze Wolken auf und verdunkeln den Himmel. Ich bekomme eine SMS, dass in dem Gebiet, in dem ich mich aufhalte, Unwetter vorher gesagt seien. Danke, das baut doch auf. In Furth beschreibt mir ein Taxifahrer den Weg zum Campingplatz, auf dem Weg dorthin noch schnell an einer Tankstelle ein Bier zum Abendessen mitgenommen. Zeltaufbau im Dunkeln, ich bin gerade fertig, als leichter Regen einsetzt. Noch schnell den Gaskocher angeworfen – zum Abendessen gibt es heute Berglinsen aus meinem Trockenvorrat.
Aufstehen, warme Dusche. Schlafsack und Isomatte einrollen, Zelt abbauen. Dumm nur, dass ich es feucht verpacken muss. Aber was soll ich machen – ich kann ja schlecht nach jeder regnerischen Nacht auf besseres Wetter warten. Außerdem soll es ja ab heute sportlicher zugehen, ich bin ja zum Radeln hergekommen.
Kurz am Plus gehalten und Frühstück gekauft. Und los gehts. Ich merke recht schnell, dass ich als Ortenauer Flachland-Tiroler keinerlei Steigungen gewöhnt bin. Die Abfahrten sind ja recht nett, aber die Anstiege... Ich erreiche die Grenze bei Všeruby. Lange intensive Passkontrolle durch den deutschen Zoll, Abgleich mit irgendwelchen Listen. Danach eine noch längere und intensivere Kontrolle durch den tschechischen Zoll, wo mein Ausweis zwecks Erfassung gleich einmal durch einen Scanner gejagt wird. Dann darf ich rein. Hinter der Grenze das leider übliche Bild von Verkaufsläden mit ziemlich hässlichen Industrie-made-in-wasweißichwo-Gartenzwergen, gefälschter Markenbekleidung, Schuhen und so weiter. Auch Alkohol, Automatencasino und Wechselstuben mit nur geringfügig unverschämten Kursen und Gebühren fehlen nicht. Die Radwegebeschilderung ist exzellent, die Straßen sind gut, es ist nahezu kein Verkehr auf der Strecke. Die Steigungen, von mir naivem Ebenenradler nach kurzem Blick auf das Höhenprofil im Reiseführer als „gut schaffbar“ eingeschätzt, zecken mich doch ganz schön, außerdem lässt sich an meinem Rad dummerweise aus unerfindlichen Gründen der kleine Zahnkranz vorne nicht schalten. Kurz entschlossen verkürze ich die erste Etappe und lasse sie gegen halb zwei Uhr mittags in Nýrsko enden. Ist ja auch besser für das Zelt, so kann es in Ruhe trocknen. Ich steuere also den Campingplatz an und baue das Zelt auf.
Die richtig steile Teiletappe nach Železná Ruda darf dann morgen kommen. Obwohl – die nette Campingplatzwirtin erwähnte da, dass jeden Morgen um kurz nach halb zehn ein Zug nach Železná Ruda fährt, der auch Räder mitnimmt. Mal schauen. Zeltaufbau, Gepäck verstauen, Rad anschließen, jetzt will ich erst einmal in Ruhe das Städtchen anschauen. Und immerhin habe ich heute ja auch beschämend unsportliche 35 km auf dem Rad zurück gelegt.
Nach dem ersten Stadtbummel steht für mich fest, dass ich das steile Stück bis Železná Ruda morgen der ČD, der tschechischen Bahn, überlassen werde. Die Fahrt kostet nämlich für mich und mein Rad schlanke 60 kč, also umgerechnet knapp über 2 Euro.
Nachdem mein Versuch, Wechselgebühren zu sparen, indem ich am Campingplatz mit einem 50-Euro-Schein bezahlte (normalerweise gibt es dann tschechische Kronen zurück), kläglich daran scheiterte, dass man mir – ganz Kundenservice – das Restgeld in einer Handvoll Euromünzen und einigen 5-Euro-Scheinen gab, versuche ich jetzt mein Glück in einem potraviny, einem Lebensmittelgeschäft. Große Augen, als dieser dämliche Tourist, der für 73,50 kč (unter 3 Euro) zwei rohlik (hörnchenförmige weiße Brötchen), einen kleinen hermelin (Art Camembert), etwas Olmützer Quargel (ähnlich dem Harzer Roller), einen halben Liter Milch, Weintrauben und zwei fidorka (köstliche runde Süßigkeit, Waffel mit Schokofüllung und -überzug, ein Gedicht!) kauft, mit einem 50-Euro-Schein wedelt. Doppelschicht für den Taschenrechner, und schon wieder wird irgendwo unter der Kasse ein Gurkenglas mit Euro-Kleingeld hervorgezaubert. Mit Händen und Füßen gelingt es mir aber dann doch, klarzumachen, dass es mir nichts ausmache, das Wechselgeld in Kronen zu bekommen. Ich bekomme 1300 kč zurück und ziehe zufrieden weiter zu einer Ruhebank an der Uhlava, um mir mein Mittagessen schmecken zu lassen.
Als nächstes folgt der Besuch eines Buchladens, ich erinnere mich vage daran, einer ziemlich großen Anzahl von Menschen Ansichtskarten versprochen zu haben, finde tatsächlich zwanzig verschiedene. Gegenüber bei der Post besorge ich dann noch die passenden Marken dazu – mit 180 kč meine mit Abstand teuerste Anschaffung heute. Dann schlendere ich noch einmal gemütlich um das Städtchen herum und zurück zum Campingplatz. Dort noch schnell ein Gambrinus (leckeres helles Bier) gekauft, um mich für die nun folgende Kartenschreiberei zu stärken.
So, die Karten sind geschrieben, ein Mittagsschläfchen ist auch gehalten, die Sonne scheint – schön. Nur die Gangschaltung meines Rades wurmt mich ein bisschen. Wozu hat man denn das kleine vordere Kettenblatt, wenn man es nicht nutzen kann? Aber halt, ich schleppe ja auch ein kleines Taschenbuch mit allgemeinen Tipps für Radreisende mit, das wohl auch ein paar Ratschläge für Unterwegs-Reparaturen haben sollte.
So weit, so schlecht. Über die vordere Schaltung lässt sich der Autor leider nur so weit aus, dass deren Einstellung für den Ungeübten eine „sehr filigrane Angelegenheit“ sei, da man leicht zu viel verstelle. Ach ja, danke für die Anleitung! Nun habe ich ja zwecks der schweren Packtaschen einen stabilen Zweibeinständer am Rad montiert, durch den bei unbepacktem Velo das Hinterrad frei drehen kann. Nachdem ich recht schnell herausgefunden habe, dass es an der vorderen Schaltung zwei Stellschrauben gibt, eine für den „linken“ und eine für den „rechten“ Endanschlagspunkt, war es ausgesprochen einfach, nacheinander, eine Hand am Schraubenzieher, die andere am Pedal, bei drehendem Hinterrad sowohl den linken als auch den rechten Endanschlag ganz sachte stückchenweise so weit einzustellen, bis alles stimmt. Zumindest ohne Last scheint jetzt alles zu stimmen, den Rest sehe ich dann morgen bergauf. Und etwas stolz bin ich ja schon, diese Einstellungsgeschichte so fix herausgefunden zu haben.
Zum Abendessen begebe ich mich ins restaurace, ins nahe gelegene Restaurant. Das ist so, wie ich tschechische Restaurants in Erinnerung habe: gemütlich, bodenständig, rustikal, gut und günstig. Die jídelní listek, die Speisekarte, bietet eine große Auswahl an Fleisch, einige Fischgerichte, ein paar fleischlose Sachen sowie recht viele Salate. Ich nehme einen großen gemischten Salat, zwei rohlik dazu und zwei große köstliche frisch gezapfte Gambrinus – die Rechnung beläuft sich auf 84 kč, also so etwa 3,10 Euro. Danach spaziere ich in der Abenddämmerung nochmal ins Städtchen runter, in dem erstaunlich viel los ist, wenn man bedenkt, dass Nýrsko mit seinen eingemeindeten Dörfern gerade mal 5100 Einwohner hat. Viele Läden, mehrere Restaurants und Kneipen, ein Kulturhaus, abends trifft sich die Dorfjugend am Marktplatz unweit des großen Busbahnhofs und vollführt gekonnte Kunststücke auf Fahrrädern. Die Kirche ist auch sehr hübsch, mit einem reich geschmückten Altar, an dem ein kunstgebildeterer Mensch als ich sicher das ein oder andere Interessante finden dürfte.
Wieder auf dem Campingplatz, kommt kurz vor dem Schlafengehen noch die Katze der Platzwirte vorbei und holt sich ein paar ausgedehnte Streicheleinheiten ab.
Aufstehen, zum Waschraum, Handy in der Küche mit Strom versorgen, die übliche Körperpflege. Der Münzautomat für die Warmdusche ist neu für mich, aber gut verständlich, das Wasser ist sehr warm und kommt mit angenehm kräftigen Druck aus der Brause. Gepäck einräumen, Schlafsack, Matte und Zelt in ihre Verpackungen zwängen. Hoppla, was ist das? Da muss mir doch tatsächlich gestern jemand einen Zeltnagel gestohlen haben – nicht nur, dass er fehlt, die dadurch lose gewordene Abspannleine wurde auch kunstvoll um einen anderen Nagel geknotet. Na ja, Leute gibt es – da kann man nichts machen. Auf dem Weg zum Lebensmittelverkauf finde ich den Nagel dann zehn Meter vom Zelt weg im Gras – es ist wohl im Dunkeln nur jemand über die Leine gestolpert und hat dabei den Nagel aus der Erde gerissen. Ich kaufe Frühstück und Vesper für den Tag und gönne mir zum Frühstück ein köstliches süßes Teilchen, unten Hefeteig, oben Pflaumenmus, Quark und Mohn. Noch schnell die Zeltnummer zurück geben, und los geht es zum nadražy, zum Bahnhof. Die Fahrkarte nach Železná Ruda (auch bekannt als Böhmisch Eisenstein) kostet für die 30 Bahn-Kilometer 40 kč (1,50 Euro) – liebe Deutsche Bahn, nehmt euch daran bitte mal ein Beispiel, dann fahre ich auch öfter mit euch. Der Zug kommt, zu dritt hieven wir mein Rad den mindestens 1,5 Meter hohen, schmalen Einstieg hinein. Den Preis für die Fahrradmitnahme (20 kč) soll ich direkt beim Schaffner entrichten, es kommt nur dummerweise keiner auf der ganzen Fahrt. Der Zug fährt stetig bergauf, die Fahrt dauert etwa eine Stunde. In Železná Ruda dann wieder das Sammelsurium aus Ramschläden, Nachtclubs und Casinos. Schade. Dafür ist ab Ortsausgang die Landschaft wieder traumhaft. In Richtung Srní, meinem ersten Zwischenziel, weist mein Radreiseführer zwei Optionen aus: durch den Wald oder über die Autostraße, was zwar mit Verkehr verbunden ist, aber 2,3 Kilometer und 40 Höhenmeter spare. Ich beschließe, Höhenmeter zu sparen. Und der Verkehr ist nur mäßig. Ständig am Naturschutzpark Böhmerwald entlang radelnd, mache ich kurz vor Prášily die erste kurze Rast. Mäßig hügelig geht es dann weiter bis Srní. Von Srní bis Filipova Hut wird es dann sehr steil, kurz vor dem Campingplatz Antýgl raste ich erneut. Der Campingplatz ist ziemlich überlaufen, und ich habe erst 40 km heute zurück gelegt. Der nächste Campingplatz ist etwa 30 km entfernt in Horní Vltavice, wobei es von diesen 30 km die ersten 8 bis Kvilda (auf 1065m laut Reiseführer Tschechiens höchst gelegene Ortschaft) ziemlich steil hinauf-, danach aber nur noch bergab geht. Klingt gut, wird gemacht. Auf dem Weg nach Kvilda muss ich dann allerdings an den steilsten Stellen gelegentlich schieben. Außer meinem Fahrrad sieht man auch nicht viele andere Räder, und die, die man sieht, sind fast durchweg gute Mountainbikes. Es ist ein um so besseres Gefühl, dann doch vor der schönen Holzkirche in Kvilda zu stehen. Ich vespere und freue mich auf die lange Abfahrt. Mal schauen, ob ich meinen bisherigen Bergab-Geschwindigkeitsrekord dieser Tour von 53 km/h (dann fing ich angesichts der Ladung und des Straßenzustands zu bremsen an) übertreffen kann.
Es geht mäßig bergab. Nach 8 Kilometern dann ein Schild – Straßensperrung Richtung Horní Vltavice, Baustelle, Umleitung von 32 km Länge. Gemäß dem Ratschlag des Reiseführers, nach dem fast immer für Radler ein Durchkommen sei, versuche ich es dennoch, fahre einige Kilometer auf nagelneuem Asphalt, muss nur im tatsächlichen Baustellenbereich ein kurzes Stück schieben, und weiter geht es abwärts.
Der Campingplatz in Horní Vltavice liegt wunderschön an einem Fluss – aber das war es dann auch schon. Das Sanitärgebäude ist mäßig bis bescheiden, 4 Minuten Warmwasser zum Duschen kosten 20 kč, und das Aussehen der Duschen übersteigt jede Beschreibung. Aber für eine Nacht geht das schon. Ich wasche ein bisschen Wäsche und hänge sie auf, in der Hoffnung, sie trocknet bis morgen. „Waschen“ ist vielleicht ein bisschen übertrieben für das Einreiben der Wäsche im Becken ohne Stöpsel unter fließend Kaltwasser mit einem Waschmitteltab, aber immerhin kann ich meine Socken nach dieser Prozedur durch eindeutig besseren Geruch als „nicht rein, aber gewaschen“ identifizieren. Kaum hängt die Wäsche, fängt es an zu tröpfeln. Juhu!
Ich gehe ins Dorf, das laut eigener Infotafel von touristisch größtem Interesse ist. Tatsächlich besteht es neben dem Campingplatz aus einer Handvoll verfallender Wohnhäuser, einer Tankstelle, zwei Restaurants, einigen Pensionen, einer Bushaltestelle, einem Oben-Ohne-Nachtclub, einem potraviny und einem Ramschladen. Insgesamt gar nicht mal so hübsch. Das Restaurant, in dem ich einkehre, strahlt durch seine Einrichtung den Charme vergangenen Sozialismus' aus. Dunkle Holzdielen verdüstern den Raum, ohne ihn gemütlich zu machen. Das verblichene Flair etwa 40 Jahre alter Resopaltische wird nur durch die kleinen Holzstühle Modell „Kindergarten späte 50er Jahre“ übertroffen. Der Bedienung ist deutlich anzusehen, dass sie es als ziemlich unerhört empfindet, dass da jetzt tatsächlich ein Gast kommt, die Ruhe stört und am Ende auch noch etwas essen möchte. Will er aber! Das Essen war dann ganz ausgezeichnet. Ich hatte gebackenen hermelin mit Salzkartoffeln und Salatgarnitur, dazu Bier, als Dessert köstliche Waffeln mit Heidelbeeren und Sahne, dazu Kaffee. Letzterer war jetzt nicht gerade die Offenbarung, da es sich um Instantkaffee handelte. Die Rechnung war üblich niedrig. Nach dem Essen gehe ich noch ein Stündchen in dem angrenzenden Wald spazieren, danach ziehe ich mich ins Zelt zurück. Heute war es dann doch schon etwas sportlicher: knappe 72 Kilometer, insgesamt über 500 überwundene Höhenmeter.
Ich „genieße“ meine 4 Minuten Warmwasser (die auf die Stunde gerechnet genau zehn mal so teuer sind wie die Platzmiete auf einem nahe gelegenen Tennisplatz) in dem Sanitär-Wellnesspalast im Stile antiken Ostblockbarocks. Und ich bin mir, obwohl keineswegs kunstsachverständig, zu 100% sicher, dass diese reliefartigen steinähnlichen Applikationen an Boden und Wandfliesen kein Stuck sind.
Nach dem Packen – natürlich ist die Wäsche nicht trocken – Verpflegung einkaufen, frühstücken und auf geht es erst nach Lenora, dann weiter Richtung Volary.
Etwa vier Kilometer vor Volary bemerke ich, dass vorne ziemlich wenig Luft im Reifen ist. Also anhalten. Leider ist meine Luftpumpe an der Seite aufgeplatzt. Kein Problem, Paketklebeband drum und pumpen. Auf einmal knackt es – die Gummidichtung der Pumpe ist samt dem Kunststoffring und dessen Gewinde abgebrochen, und drinnen steckt das Ventilschräubchen des Reifens samt dessen Gewinde. Sch... öne Sache, so was. Na ja, der Reifen hat ja noch etwas Luft, vielleicht hält es.
Es hält etwa einen Kilometer, dann ist vorne platt. Am Mahnmal für einen amerikanischen Soldaten tschechischer Herkunft, der buchstäblich in den letzten Minuten des Zweiten Weltkrieges sinnlos umgebracht wurde, habe ich genügend Platz zum Schlauchwechsel. Wie ich danach Luft in den Reifen bekommen soll, weiß ich in diesem Moment noch nicht so richtig, doch gerade als ich den Schlauch montiert habe, hält ein Radler an und leiht mir seine Luftpumpe. Man versteht sich auch ohne gemeinsame Sprache recht gut. Laut Radführer gibt es erst in 25 Kilometern ein Fahrradgeschäft, ich würde mich aber deutlich wohler fühlen, hätte ich eine Pumpe dabei. Doch bereits im nächsten Ort, Volary, finde ich ein Fahrradgeschäft, das auch Verkauf und Service von Motorrädern und Kettensägen anbietet. Dort traf ich den Ladenbesitzer, einen sehr netten älteren Herren, der gut deutsch spricht, und mir nicht nur eine solide Luftpumpe verkauft, sondern auch gleich noch etwas mit mir plaudert. Wo ich zu hause wäre, ach, Kehl kenne er, die Verwandten seiner Frau kämen aus der Nähe von Freiburg, aus Kappel-Grafenhausen.
Ich radle über mäßige Hügel weiter nach Prachatice. Erst 35 km für heute zurück gelegt, aber die Stadt gefällt mir gut, und so beschließe ich nach Geldwechsel, Kaffee und einem leckeren süßen Teilchen in einer cukrarna (Konditorei) am Marktplatz, zum 9 km entfernten Campingplatz in Žichovec zu radeln, dort das Zelt aufzustellen, um dann zurück zu radeln und mir die Stadt in aller Ruhe anzuschauen.
Ich habe ein paar Schwierigkeiten, zu der richtigen Straße zu finden. Ich frage zwei überaus freundliche Polizisten, die mir den Weg sehr anschaulich pantomimisch beschreiben. Als ich losradle, überholen mich die beiden im Polizeiauto und fahren mir tatsächlich so lange voraus, bis ich auf der 141 bin, die mich zum Campingplatz führt. So etwas sollte man daheim mal erleben!
Der Weg zum Platz ist mäßig hügelig, es geht mehr ab- als aufwärts, und wenn ich später zurück fahre, habe ich ja kein Gepäck am Rad.
Und in der Tat radelt es sich gepäcklos um Längen einfacher bergauf. Wenn ich bedenke, mit welch geringer Geschwindigkeitsdifferenz mich auf meinen Gepäck-hochquäl-Strecken die Mountainbikes überholt haben, komme ich mir gleich ein bisschen weniger unsportlich vor. Nach etwa 20 Minuten bin ich wieder im Zentrum Prachatices angekommen, an dem netten Marktplatz mit einigen sehr schönen Gebäuden, unter anderem dem Rathaus mit sehr hübscher Sgraffitti-Bemalung. Ich besuche das Museum für tschechische Marionetten und Zirkus, dessen Eintritt derzeit sogar frei ist. Auf einer Etage werden zahlreiche wunderschöne handgeschnitzte Marionetten und Bühnen ausgestellt, teils 120 Jahre alt und älter. Die zweite Etage ist dem Zirkus gewidmet, hier sind alte Zirkusplakate, Masken, Modelle und Zauberutensilien ausgestellt.
Nach dem Museumsbesuch überquere ich den Marktplatz, setze mich auf die Terrasse einer anderen cukrarna und trinke ein Glas kofola. Das ist eine tschechische Cola, die meines Erachtens um Längen besser schmeckt als die Produkte der bekannten großen amerikanische Konzerne mit ihrem gefühlten Zuckeranteil von 90% und mehr. Beim Gehen nehme ich mir noch ein Eis mit und schaue mir ein bisschen die Schaufenster an. Auch die Kirche hier ist sehr reich geschmückt. Dann fällt mir ein, wenn ich schon mal hier bin, könnte ich mir doch gleich noch im Fahrradladen einen neuen Ersatzschlauch mitnehmen – nur für alle Fälle. Der erste Fahrradladen, den ich finde, schließt um 17 Uhr, es ist aber leider schon 17.05 Uhr. Ich ziehe im Zick-Zack durch die Straßen und finde eine halbe Stunde später tatsächlich noch ein Radgeschäft – das bis 17.30 geöffnet gewesen war. Ist nicht so schlimm, morgen komme ich auf jeden Fall zur üblichen Geschäftszeit in Strakonice vorbei, und da gibt es auch Fahrradgeschäfte.
Auf dem Weg nach Žichovec komme ich an einem Supermarkt vorbei. Ich kann nicht widerstehen und kaufe mir eine dieser sündhaft leckeren fidorka. Wenn das mit meiner Süßkramfutterei so weitergeht, werde ich es wohl tatsächlich schaffen, trotz der Mittelgebirgs-Radelei noch an Gewicht zuzulegen. Na ja, und wenn schon, es ist Urlaub.
Auf halber Strecke komme ich an einem Steigungsschild „12%“ vorbei. Wenn es in Tschechien Steigungsschilder gibt, dann steht da immer „12%“ drauf. Ob die Steigung nun 8%, 10%, 15%, 20% oder tatsächlich 12% hat, ist unwichtig ist, das Schild kündigt ganz allgemein einen ungewöhnlich starken Anstieg an.
Der Campingplatz ist noch genauso leer wie am Mittag, außer mir noch drei andere Zelte, das war's. Und der Platz ist schön, preiswert, mit gepflegten Sanitäranlagen, Duschen ist gratis, und es gibt sogar Toilettenpapier – was keineswegs selbstverständlich ist. Direkt am Platz ist ein künstlich angelegter betongefasster Badeteich, durch den das Wasser eines nahen Baches geleitet wird, welches aber für mich nicht unbedingt einladend aussieht – und es ist ohnehin etwas kühl zum Baden.
Ich gehe zum platzeigenen restaurace, tja, war wohl nichts mit Essen, die „Speisekarte“ besteht aus Bier und Cola. Da ich keine Lust habe, nochmal nach Prachatice zu radeln, koche ich mir ein Süppchen auf den Gaskocher. Die Wahl der Einlage fällt sehr schnell auf Grünkern, denn dessen Verpackung ist gerade aufgeplatzt. Dazu noch einen Instantkaffee (wer hat eigentlich genehmigt, dass das Zeug den Namen „Kaffee“ tragen darf?).
Auf gehts zum Frühstück. Wobei das Frühstück heute ein bisschen später stattfindet als sonst, denn ich stoße tatsächlich erst im vierten Dorf auf einen potraviny. Na ja, vielleicht isst man in dieser Gegend einfach nicht so oft... Aber in Dub gibt es dann einen Laden am Dorfplatz, ein paar Männer sitzen davor und trinken Bier.
Nach der Stärkung geht es weiter. Die „sanft hügeligen“ 25 km bis Strakonice haben ein paar ganz nette Anstiege. Unterwegs setzt Regen ein. Dann habe ich die Regenjacke wenigstens nicht umsonst mitgenommen, ist ja auch schön. In Strakonice finde ich dann zwei Fahrradgeschäfte, von denen das zweite auch den passenden Schlauch für mich vorrätig hat. Da mir die Stadt auf den ersten Blick nicht so recht gefällt, fahre ich gleich weiter in Richtung Nepomuk. Am Ortsende ein großes Kaufland-Center, ich erinnere mich an die Bitte „Wenn Du an einem tschechischen Kaufland vorbeikommst, guck doch bitte nach, ob sie diesen tollen Schulatlas von Tschechien noch haben“. Haben sie. Nicht genau denselben, aber einen ähnlichen. Dazu kaufe ich eine Packung große Kuverts, um den Atlas bei nächster Gelegenheit zur Post zu geben, bevor er bei mir zerknittert oder nass wird. Ich finde auch gleich im nächsten Ort eine Post, die allerdings gerade wegen Mittagspause geschlossen ist. Ich fahre weiter, bislang hatte ja fast jedes Dorf ein Postamt. Seltsam nur, dass ich jetzt kein einziges mehr sehe, da ich eines brauchen könnte. Auf der Strecke regnet es junge bis ausgewachsene Hunde, die Steigungen sind teilweise recht anstrengend. Ich erwäge, die Etappe vorzeitig in Horažd'ovice zu beenden, wo es zwar keinen Campingplatz gibt, dafür aber ein sehr preiswertes Hotel. Dieses wird jedoch gerade zur Zeit umfassend saniert und ist geschlossen. Auch sonst macht der Ort wegen seiner Durchgangsstraße einen sehr unruhigen lauten Eindruck. Und bis Nepomuk sind es „nur“ noch 25 km, das sollte zu schaffen sein. Ich schaffe es auch, fluche aber inzwischen bei jedem noch so leichten Anstieg, doch irgendwann komme ich in Nepomuk an.
O welche Freude, der Campingplatz liegt 4 km außerhalb, besser gesagt oberhalb. Ich melde mich an, baue das Zelt auf und radle zurück nach Nepomuk, um zu Abend zu essen. Dort finde ich nur ein geöffnetes Restaurant, das leider sehr touristisch geprägt ist. Das Essen war zwar nicht schlecht, und der „Touristen-Preiszuschlag“ hielt sich auch in Grenzen, aber es war nicht so schön wie sonst. Ich lasse daher das Dessert ausfallen und hole mir statt dessen mal wieder fidorka im Supermarkt. Den Abend lasse ich dann in aller Ruhe am Zeltplatz ausklingen. Insgesamt waren es heute dann doch 91 ziemlich hügelige Kilometer, dafür ist es morgen nicht so weit bis Plzeň.
Bin ich so kaputt von den Bergen oder war das dritte Bier gestern abend vielleicht doch etwas zu viel? Vermutlich etwas von beidem. Der Radführer empfiehlt einen 47 km langen Weg nach Plzeň, die Straße Nummer 20 würde mich in 36 km dorthin bringen. Ich beschließe, heute, so faul, wie ich bin, den kürzeren, wenn auch verkehrsreicheren Weg zu wählen. Nachdem ich gefrühstückt und den Atlas zur Post gebracht habe, radle ich los. Die Straße hügelt munter vor sich hin, der Verkehr ist erträglich, nimmt aber Richtung Plzeň stetig zu. Wobei mir auffällt, dass die Einheimischen sich den Radfahrern gegenüber sehr rücksichtsvoll verhalten, knapp überholt wird man eigentlich nur von Touristen, am schlimmsten unter ihnen die Wohnwagengespanne, denen merkt man deutlich an, dass sie normalerweise keine Züge dieser Breite fahren.
Deshalb freue ich mich auch zunächst, als die Straße kurz vor Plzeň vierspurig wird und eine Randspur bekommt. Nach kurzer Freude stoße ich auf ein autobahnkreuzähnliches Gebilde, wo auf die zwei bestehenden Spuren noch zwei weitere von links und eine von rechts münden, es geht abwärts, ich mit knapp 45 km/h mittendrin, überall Autos, und ich muss auch noch ganz rechts rüber, da gleich danach die Ausfahrt „Centrum“ kommt. Radfahren ist hier übrigens weiterhin erlaubt! Ich fahre Richtung Centrum, frage mich in meinem unvergleichlichen Tschechisch zu dem Campingplatz durch, fahre durch ein Industriegebiet und stoße auf den Campingplatz „Ostende“, absolut westliches Niveau, leider auch preislich: 380 kč für zwei Nächte – das ist mehr als doppelt so viel als bisher. Duschen: die fast üblichen 20 kč, dafür gibt es aber über 8 Minuten lang Warmwasser. Aber es gibt hier eine Waschmaschine, die ich sogleich benutze: einen für mich ungewohnten Toploader der Traditionsmarke „Tatramat“. Ich fülle die Maschine und bin dankbar für die idiotensichere Kurzanleitung auf Englisch „short wash: left knob to 'B', right knob: temperature, close machine and press ONLY the left button“. Klappt tatsächlich – und eine Steckdose zum Handyladen ist auch noch frei. Die Maschine wäscht, ich schließe den Raum wieder und sehe mich auf dem Platz um. Alles sehr gepflegt und sauber. Während der Wäsche trinke ich zwei Kaffee auf der Terrasse des Platzrestaurants und genieße die Sonne. Nach einer knappen Stunde gehe ich zurück in den Waschmaschinenraum. Nach dem Waschen will ich mit der Straßenbahn ins Zentrum. Von der im Schleudergang wild hüpfenden Maschine, die durch einen alten Autoreifen von der Wand abgefedert wird, fühle ich mich leicht angegriffen; ich nehme meine Wäsche, hänge sie auf, bringe den Schlüssel zurück und bezahle die Maschinenbenutzung. Dann gehe ich zur Tram und fahre zum naméšti republicky, dem Republikplatz, Zentrum Plzeňs und Böhmens größter Marktplatz (193 x 193 Meter), wobei die große St.-Bartholomäus-Kirche relativ viel Platz davon einnimmt, außerdem ist der halbe Platz wegen Bauarbeiten gesperrt. Schön sind auch die umliegenden Häuser. Auch sonst gibt es wohl einiges zu sehen in Plzeň. Das werde ich mir morgen in Ruhe anschauen. Da ich nach Möglichkeit auch Prag sehen möchte, spaziere ich zum Bahnhof und erfahre, dass eine Rückfahrkarte nach Praha und zurück nur 163 kč kostet. Nach einem kurzen Besuch wegen Regens in einem Internetcafé (die Regenjacke liegt natürlich im Zelt) setzte ich mich auf dem Marktplatz auf eine Bank, wo auf einer mobilen Bühne eine Jazzband recht schöne Musik macht. Später spaziere ich kreuz und quer durch die Innenstadt und setze mich später in ein gemütliches Restaurant, wo ich zu meinem Pilsner Urquell eine großartig zubereitete Forelle mit Kartoffeln esse. Später fahre ich mit der Tram zurück und lege mich schlafen. Ein fauler Tag geht zu Ende – na ja, halbfaul, immerhin waren es doch 50 Kilometer auf dem Rad.
Nach Aufstehen und Altbausanierung, pardon, Körperpflege, fahre ich mit der Tram in die Stadt. Im Lebensmittelladen kaufe ich mir Frühstück, zigarettentechnisch probiere ich mich zu immer billigeren Marken durch, inzwischen bin ich bei der Geschmacksrichtung „Flokati Feinschnitt“ angelangt.
Als erstes begebe ich mich unter die Erde, in Plzeňs historischen Untergrund. Die Stadt ist mit einem über 17 km langen Gängesystem unterkellert, zumeist dreigeschossig, wobei das oberste Geschoss heute den Wohnhäusern als Keller dient und das unterste zur Entwässerung. Im mittleren herrscht eine konstante Temperatur von 10°C bei 90% Luftfeuchtigkeit, es gibt zahlreiche Brunnen. Die Gänge dienten in ihrer Geschichte sowohl als Lager als auch als Fluchtweg und Versteck. Die Führung war recht interessant.
Danach steige ich auf den Turm der St.-Bartholomäus-Kathedrale und genieße die schöne Aussicht.
Als ich wieder unten bin, spaziere ich gemütlich die 2 Kilometer zum Zoo hinaus. Dieser ist nicht so riesig, aber wunderschön, meistens werden mehrere Tierarten, die auch in der Natur zusammenleben, in einem Gehege gehalten.
Nachdem ich mich zum Abschluss des Zoobesuchs noch mit bramboričky i zelí, Kartoffelpuffern mit Weißkraut, gestärkt habe, gehe ich zurück ins Zentrum und gönne mir einen Besuch im Biermuseum der bekannten Brauerei „Pilsner Urquell“. Auch das Biermuseum war hochinteressant. Danach esse ich ein Häppchen an einem nahe gelegenen Asia-Imbiss und beschließe spontan, da es noch früh am Nachmittag ist, nach Prag zu fahren und dort den Abend zu verbringen. Auf zum Bahnhof, Fahrkarte kaufen, und in den nächsten Zug nach Prag gesetzt. 90 Minuten dauert die Fahrt.
Ich weiß ehrlich gesagt nicht so genau, was ich mir von Prag erwartet habe. Ich war das letzte Mal 1991 dort – im zarten Alter von 13 Jahren. Damals fand ich die Stadt beeindruckend und schön, aber dennoch ziemlich ruhig, fast ein bisschen verschlafen. Dem ist heute nicht mehr ganz so. Ich steige aus dem Zug und werde von einem hektischen Menschenstrom mitgerissen. Die Bahnhofshalle ist laut, überall blinkt und leuchtet Reklame für die im Gebäude ansässigen Geschäfte, Imbissstände, Casinos, Wechselstuben, Informationen und Sexshops, und ich habe zunächst wirklich Schwierigkeiten, einen Ausgang zu finden. Als ich den dann endlich gefunden habe, werde ich innerhalb von etwa zwei Minuten fünfmal angesprochen – dreimal, um mir Drogen zu verkaufen, zweimal, um meine sexuellen Bedürfnisse zu stillen; dies allerdings ebenfalls käuflich und zudem hetero: gleich zwei Tabus auf einmal, das geht nun wirklich nicht.
Ich verlasse das Gelände durch einen kleinen Park, laufe ziellos durch ein paar Straßen, sehe eine sehr schöne Synagoge, aber irgendwas hat diese Stadt an sich, dass ich mich sehr unwohl fühle. Ich gehe zurück zum Bahnhof, sehe erfreut, dass in einer knappen Viertelstunde ein Zug zurück nach Plzeň fährt, kaufe mir noch schnell irgendein batschsüßes Getränk, dessen Hersteller mir weismachen will, es schmecke nach Orange und Grapefruit, setze mich in den Zug und fahre zurück. In Plzeň trinke ich dann noch zu Ehren des Schutzpatrons der Brauer, des Hl. Gambrinus, ein gleichnamiges Bier und mache mich zurück auf den Weg zum Campingplatz.
Aufstehen, Packen, Lebensmittel kaufen (diesmal mit der Tram, ich habe nämlich noch zwei Tickets übrig gehabt) – das übliche halt. Laut Radführer ist es ganz einfach, den Weg aus Plzeň heraus zu finden: Einfach erst dem Hinweis Rozvadov folgen, dann dem nach Stříbro. Klingt gut. Nachdem ich zweimal am Bahnhof und dreimal am Republikplatz vorbei gekommen bin, finde ich sogar das erste Schild in meine Richtung – Orientierungskünstler war ich halt noch nie. Auf der wenig befahrenen 203 fahre ich dann gemütlich über mehrere Dörfer bis Stříbro. Es ist noch sehr früh, darum hänge ich gleich noch eine Etappe an und radle über Kladruby nach Straž, wo es zwar direkt keinen Campingplatz gibt, wohl aber 6 km südlich bei Borek. Die Strecke ist gewohnt hügelig, aber nicht übermäßig anstrengend, und ich merke auch, dass der Ruhetag in Plzeň gut getan hat. Bei Kladruby ist ein schönes Kloster zu sehen, ansonsten nichts spektakuläres. Ich treffe am späteren Nachmittag in Borek am Campingplatz ein, der Platz ist recht schön und an sich ruhig gelegen, würde nicht die gerade mal 10 Meter entfernte Bahnstrecke dafür sorgen, dass einem die Züge quasi durchs Zelt fahren. Aber es ist eine Nebenstrecke, da wird sich der nächtliche Zugverkehr wohl einigermaßen in Grenzen halten. A propos Grenze: da ich mich recht nahe derselbigen befinde, ändere ich meine weitere Urlaubsplanung dahingehend, morgen wieder nach Deutschland zu fahren, um dann mit vier oder fünf Übernachtungen gemütlich nach Heidenheim zu radeln, wo ich ja zum Wochenende ohnehin hin wollte. Auf diese Weise spare ich mir schon einmal das Abenteuer „Streckensperrungen der Deutschen Bahn“. Es fängt mal wieder zu regnen an – macht nichts, ich bin am Ziel, das Zelt steht, Wäsche habe ich keine zu trocknen. Heute abend werde ich mir ein richtig leckeres Abendessen gönnen, es ist ja mein letzter Abend in Tschechien, und nach 75 hügeligen Kilometern darf das schon sein.
Nach einem kurzen Blick ins platzeigene Restaurant verlasse ich dieses wieder, ich sah das Essen der anderen, das hat mir gereicht. Statt dessen fahre ich ins etwa 11 km entfernte Bor, und finde dort ein sehr gutes Gasthaus, wo ich es mir so richtig schmecken lasse. Vorneweg Tomate mit Mozzarella, als Hauptgang Lachssteak mit Reis und Gemüse, dazu zwei große Kofola und ein Bier, zum Dessert Eis mit Eierlikör und Kaffee. Das war auch mit Abstand mein "teuerster" Restaurantbesuch in Tschechien – fast 11 Euro umgerechnet. Zurück am Zeltplatz sind dann doch noch insgesamt 98 Kilometer heute zusammen gekommen.
Aufstehen, neuen Duschautomaten kennen lernen, der mich im Verlauf der Dusche unter zwei verschiedene Brausen schickt, Packen. Los geht die Fahrt über gewohnt hügelige Straßen zunächst bis Bělá, wo ich mich mit Proviant versorge und für meine restlichen 713 Kronen (etwa 26 Euro) noch 16 Schachteln Zigaretten mitnehme – ich hab nämlich inzwischen eine Marke gefunden, die mir schmeckt: „Petra“, 44 kč je Schachtel. Nach dem Frühstück geht es weiter, nach etwa 10 km das gewohnte Bild der sich nähernden Grenze. Die Ausreise geschieht, ohne dass man mich am Zoll eines Blickes würdigt. Und nun könnte ich eine Landkarte von Bayern gebrauchen. Im ersten Ort teilt mir der Ladenbesitzer mit, er habe keine mehr und bekomme dieses Jahr auch keine mehr, da die Saison vorbei ist. Ich wusste nicht, dass es eine Saison für Landkarten gibt, aber gut. Aber in Tännesberg bekäme ich eine. Also weiter geradelt. Die Straßen sind bedeutend schlechter als in Tschechien, und das Wetter steigert sich von Regen über starken Regen zum Wolkenbruch. Aber in Tännesberg erhalte ich eine Landkarte in einem kleinen Allerleigeschäft, Maßstab 1:300000 zwar, aber das wird schon gehen. Ich radle noch 6 km weiter bis zum Campingplatz in Trausnitz, richte mich ein, sehe kurz die Sonne, die bald darauf wieder vom Regen abgelöst wird. Ich lasse den Tag gemütlich verstreichen, zu Abend gibt es Kocherverpflegung (Linsen mit Reis). Da die Duschen an diesem Campingplatz sinnvollerweise von 7 bis 9 Uhr wegen Reinigung nicht zugänglich sind, verlege ich die Körperpflege auf den Abend.
Der Regen war so stark heute Nacht, dass mein Zelt durchsuppt. Ich stehe auf, packe mein nasses Zeug zusammen, und beschließe angesichts dieser Tatsache, das Radeln abzubrechen und mit dem Zug heimzufahren. In Pfreimd finde ich einen Bahnhof, wegen des Feiertags in Teilen Bayerns fahren die Züge nicht ganz so häufig, um 10.25 Uhr geht es los in Pfreimd, über Weiden, Nürnberg, Stuttgart, Vaihingen und Karlsruhe komme ich dann um 19.50 Uhr in Appenweier an, radle bei schönstem Wetter die 16 km heim und freue mich auf ein heißes Bad.
Alles in allem ein wunderschöner Urlaub mit vielen tollen Eindrücken und immerhin etwa 430 km, die ich auf dem Rad in großteils hügeligem Gelände zurückgelegt habe. Und eines ist sicher - es wird nicht meine letzte Radreise gewesen sein!