Welches Zelt?


Also gut, die Wahl ist auf „Camping“ gefallen. Das macht unabhängig und ist preiswerter als die Unterkunft in Pensionen, Jugendherbergen oder Hotels. Andererseits erhöht es die Gepäckmenge deutlich. Und die Wahl des richtigen Modells will auch gut überlegt sein. Schließlich soll das Gute Stück ja mehrere Urlaube halten – und für ein ordentliches Zelt kann man auch ordentlich Geld ausgeben.
Wieso? Es gibt doch auch beim Discounter oder beim Kaffeeröster immer mal wieder ganz schicke Dreimannzelte für wenig Geld. Stimmt. Die Konstruktion basiert meistens mehr oder weniger auf einem Igluzelt, dass in den frühen und mittleren Neunzigern in teilweise ganz ordentlicher Qualität unter dem Namen „Texel“ vertrieben wurde. Aber erstens sagt äußere Ähnlichkeit noch nichts über die Qualität der verwendeten Materialien, und zweitens gibt es inzwischen bessere Konstruktionen.

Das Zelt soll einerseits leicht, andererseits stabil genug sein, um auch schlechteres Wetter gut zu überstehen. Es soll Wind und Wetter zuverlässig abhalten, aber trotzdem angenehm durchlüftet sein. Dazu ist für den Radreisenden ein geringes Packmaß wichtig, dennoch sollte das Zelt genug Platz für Radler und Gepäck bieten. Man sieht, dass ein gutes Zelt also Kompromisse zwischen den Extremen eingeht.

Leicht und geringes Packmaß – da könnte man an so ein Zwanzig-Euro-Ultra-Leicht-Wühltisch-Zelt denken, dass gerne mal unter so klangvollen Namen wie „Bari“ verscheuert wird. Ich besaß mal so ein Wunderwerk der Technik und kann aus Erfahrung dazu raten, diesen Zelttyp schleunigst wieder zu vergessen. Diese Dinger bestehen nicht aus Innen- und Außenzelt, sondern nur aus einer Lage Material. Da gibt es dann zwei Varianten: entweder ist die Zeltwand ein bisschen atmungsaktiv, dann ist sie in dieser Preisklasse auch perfekt regendurchlässig (spätestens dann, wenn man bei Regen versehentlich die Zeltwand von innen berührt), oder sie ist dicht. Das merkt man dann daran, dass die ganze Körperfeuchtigkeit, die man so über Nacht ausschwitzt, wunderbar an der Zeltinnenseite kondensiert und in kleinen Tropfbahnen nach unten rinnt.

Für ein ordentliches Klima ist ein doppelwandiges Zelt unersetzlich. Und ordentliches Klima ist wiederum für mich unersetzlich – denn schließlich mache ich Urlaub und keinen Überlebenskampf. Ein doppelwandiges Zelt besteht typischerweise aus einem Innenzelt aus einem luftdurchlässigen textilen Gewebe, wobei der Zeltboden aus dickerem wasserdichten Material besteht, das auch an den Rändern zehn bis fünfzehn Zentimeter nach oben gezogen ist, dass nicht gleich beim ersten Schauer die Pfütze ins Zelt schwappt. Der Eingang (idealerweise gibt es derer zwei, die sich gegenüber liegen) kann natürlich ganz geöffnet werden (sonst käme man ja nicht ins Zelt hinein oder heraus) oder ganz geschlossen (auch Sommernächte können empfindlich kühl sein). Ein ordentliches Zelt kennt als dritte Möglichkeit, den Eingang mit einem Mückennetz zu verschließen. Ideal für normal temperierte Sommernächte. Das Zelt wird ordentlich durchlüftet, aber die sechsbeinigen geflügelten Freunde bleiben weitgehend draußen. Ansonsten ist es ganz praktisch, wenn es im Innenzelt Ablagemöglichkeiten für Kleinkram gibt. Die gibt es entweder als angenähte Taschen in Bodennähe (idealerweise in schöner Armreichweite, wenn man im Schlafsack liegt) und/oder als Netz am Dach des Innenzeltes – ganz praktisch für eine Taschenlampe, wenn man mal freie Hände und Licht gleichzeitig braucht.

Das Außenzelt wiederum ist möglichst regendicht und besitzt eine oder mehrere Be- und Entlüftungsöffnungen, die man für ungemütlicheres Wetter auch schließen können sollte. Ist das Außenzelt so konzipiert, dass der Eingang als Apsis geschlossen werden kann (also mit einer Art Vorraum zwischen dem Eingang des Innenzeltes und dem des Außenzeltes), hat man eine Möglichkeit, Gepäck zu verstauen, ohne den Platz im Innenzelt einzuschränken. Außerdem ist dieser Platz auch noch besser mit Frischluft versorgt – also ideal für die Schuhe.

Damit das Zelt steht und nicht flach am Boden liegt, hat es ein Gestänge. Mit dem Gestänge wird – je nach Konstruktion – entweder das Innenzelt aufgestellt und dann das Außenzelt darübergeworfen und befestigt, oder aber das Außenzelt aufgebaut und dann das Innenzelt darin eingehängt. Beide Varianten haben ihren eigenen Vorteil. Bei der Variante, bei der das Gestänge mit dem Innenzelt verbunden wird, hat man bei Kuppelzelten (s.u.) in sehr warmem Klima den Vorteil, dass man das Innenzelt auch mal alleine aufstellen kann und auf das Außenzelt ganz verzichtet. Bei der Variante, bei der das Gestänge das Außenzelt festhält, geht das nicht, dafür kann man bei Regenwetter das Innenzelt im Trockenen auf- und abbauen.

Zwischen Außen- und Innenzelt befindet sich ein Luftraum von einigen Zentimetern. Und der ist das Geheimnis der Klimaverbesserung. Die Ausdünstungen können das lockere Innenzelt problemlos verlassen und kondensieren auf der Innenseite des Außenzeltes, so dass es innen trotzdem gut durchlüftet ist.

So weit, so gut. Auf dem Markt haben sich nun verschiedene Zeltformen etabliert.

  • Firstzelt, auch Giebelzelt genannt. Einfache klassische Konstruktion, die manchem noch aus Bundeswehrzeiten unter dem Namen „Dackelgarage“ bekannt ist. Stabil und nahezu unverwüstlich, das Gestänge wird so gut wie nie brechen, auch ist das Firstzelt meistens leichter und kleiner zu verpacken als andere Zelttypen vergleichbarer Größe. Nachteil ist der oft zeitaufwändige und vergleichsweise umständliche Aufbau, der den Camper je nach Bodenzustand auch gerne mal in den Wahnsinn treibt. Denn Abspannen ist bei diesem Zelttyp ein absolutes Muss – auf Sand aber nicht immer einfach.
  • Kuppelzelt, auch als Igluzelt bezeichnet. Haben, wie der Name andeutet, eine Kuppelform, was eine bessere Raumausnutzung bedeutet als beim Giebelzelt – sprich, wenigstens Sitzhöhe gibt es nicht nur in der Zeltmitte, dennoch ist das Luftvolumen und die Grundfläche bescheiden. Auch kann man das Kuppelzelt in windstillen Zeiten aufstellen, ohne es abzuspannen oder im aufgebauten Zustand ein paar Meter versetzen. Ganz ohne es abzuspannen, würde ich das Zelt dennoch nicht nutzen, denn einerseits hat ein ungesichertes Kuppelzelt bei plötzlichen Windböen exzellente Weitflugeigenschaften und andererseits brechen bei starkem Sturm die konstruktionsbedingt stark belasteten Gestängebögen schneller als bei anderen Zelttypen, wenn zu wenig oder gar nicht abgespannt wurde. Eine besondere Form des Kuppelzeltes ist der so genannte Geodät, bei dem sich die Gestängebögen mehrfach kreuzen, wodurch das Zelt bei richtigem Aufbau auch starke Stürme gut übersteht.
  • Tunnelzelt. Hat dank der Tunnelform ein super Verhältnis zwischen Platz, Gewicht und Raum. Der Aufbau wird von den meisten Campern im Vergleich zum Kuppelzelt als einfacher empfunden (keine überkreuzenden Stangen) und ist im allgemeinen auch von einer Person selbst bei Wind gut zu bewältigen. Das Tunnelzelt muss immer abgespannt werden, bietet dafür aber eine ausgezeichnete Windstabilität. Da aber das Material bei dieser Zeltkonstruktion stark belastet wird und daher von bester Qualität sein muss, kostet ein gutes Tunnelzelt auch gutes Geld. Am Tunnelzelt lässt sich dann auch eine sehr geräumige Apsis anbringen, indem die Tunnelform einfach verlängert wird. Zusammen mit einem fast senkrechten Eingang sehr komfortabel (und richtig luxuriös, aber auch wieder etwas schwerer, sperriger und teurer) wird es dann, wenn an beiden Enden des Zelts solche Apsiden angebracht sind.

Die Größe des Zeltes ist ein weiterer entscheidender Faktor für Gewicht und Packmaß. Logisch, denn ein kleineres Zelt benötigt schlicht und ergreifend weniger Material. Trotzdem sollte man das Zelt nicht allzu klein wählen. Zum einen braucht man Platz für Menschen und Gepäck, und zum anderen muss man ja auch damit rechnen, bei schlechtem Wetter auch mal den ganzen Abend darin zu verbringen. Da sollte, wenn sich aus Gewichtsgründen auf dem Rad ein Zelt mit Stehhöhe schon verbietet, wenigstens ein angenehmes Sitzen möglich sein (die Stehhöhe kann übrigens auch in der Übergangszeit schlechter fürs Klima sein, dann nämlich, wenn man ganz froh darüber ist, dass die eigene Körperwärme die Luft ein bisschen aufheizt). Reist man allerdings in einer größeren Gruppe, kann man das Zelt im Idealfall aufteilen: bei drei Radlern nimmt beispielsweise einer das Außenzelt, einer das Innenzelt und einer Gestänge und Unterplane, dann relativieren sich Gewicht und Volumen auch wieder.

Ich bin seit drei Jahren sehr zufrieden mit dem „Forest Lodge“ von Robens unterwegs. Das ist ein Kuppelzelt, bei dem das Gestänge mit dem Innenzelt verbunden ist, das über zwei gegenüberliegende Eingänge mit verschließbaren Apsiden verfügt und etwa 150 Euro kostet. Sicher gibt es High-Tech-Zelte für den extremen Einsatz, die besseres Material bieten, für den ganz normalen Wald-und-Wiesen-Radtourismus, den ich praktiziere, ist es aber prima. Es ist geräumig genug für zwei Radler mit ordentlich Gepäck und so klein und leicht, dass ich es auch alleine ohne Schwierigkeiten mitnehmen kann.

Obwohl sie einige Gramm wiegt und irgendwo verstaut sein will, halte ich eine Zeltunterplane für sinnvoll. Zum einen schützt sie den Boden des Innenzeltes vor Beschädigung durch Dornen, Scherben und Steine, die man vielleicht übersieht, zum anderen hält sie auch Schmutz vom Zeltboden fern. Denn die Unterplane ist sowohl leichter zu reinigen als auch im Fall einer Beschädigung preiswerter zu ersetzen als das Innenzelt. Darüber hinaus schützt sie auch ein bisschen vor der Bodenkälte. Unter einer Unterplane verstehe ich nun keine Maler-Abdeckfolie vom Baumarkt-Wühltisch, sondern eine stabile verstärkte Kunststoffplane. Diese sollte mindestens so groß wie die Bodenfläche des Innenzeltes sein, aber so klein, dass sie nicht unter dem Außenzelt hervorschaut (sonst dient die eher als Sammelbehälter für Regenwasser). Von einigen bekannten Herstellern (Hilleberg, The North Face) gibt es so genannte „Footprints“, also Unterplanen, die in Form und Größe genau auf das jeweilige Zelt zugeschnitten sind, für rechteckige Grundrisse hat Tatonka Universalplanen in verschiedenen Größen im Angebot. Für mein Zelt (Robens Forest Lodge) passt zum Beispiel die kleinste Größe (Größe 1) sehr gut.

Zeltpflege

Ein gutes Zelt braucht nicht viel Pflege, aber einige Dinge sind schon zu beachten.

  • Dass man im Zelt nicht mit Feuer hantiert, sollte selbstverständlich sein. Zwar sind Zelte heute zumeist aus schwer entflammbarem Material, aber Brandlöcher können das gute Stück trotzdem zerstören. Daher gilt im Zelt Koch-, Rauch- und Kerzenverbot. Genauer gesagt sollte sich jede/r darüber klar sein, dass Brandschäden, die durch die Missachtung dieser Regel entstehen, kein Reklamationsgrund sind
  • Bevor man ein Zelt aufstellt, befreit man den Untergrund von Steinen, Dornen und Scherben. Nicht nur das Material wird es danken, sondern auch der Rücken des Schlafenden.
  • Verschmutzungen sollte man vor dem Einpacken des Zeltes beseitigen. Abbürsten, Ausschütteln oder auch mit einem feuchten Lappen (keine scharfen Reinigungsmittel verwenden!) entfernen.
  • Packt man das Zelt feucht oder gar nass ein, können sich Stockflecken bilden, die man so gut wie nie wieder wegbekommt. Bei trockenem Wetter das Außenzelt am besten vor dem Frühstück umgekehrt auslegen, dann sollte das Kondenswasser weitgehend verdunstet sein, wenn es an die Abreise geht. Muss man das Zelt doch einmal nass verpacken, sollte man vor dem Packen soviel Wasser wie möglich abschütteln und das Zelt bei nächster Gelegenheit zum Trocknen auslegen.
  • Auch bei der Lagerung daheim sollte das Material Luft bekommen – ich empfehle einen alten Bettbezug als Hülle, da ist das Material locker-luftig und dennoch staubgeschützt aufbewahrt. Keinesfalls sollte das Zelt das ganze Jahr über in dem Packsack gepresst liegen.
  • Wird das Zelt dann nach längerem Gebrauch doch einmal undicht, so dringt Wasser meistens zuerst an den Nähten ein. Hiergegen gibt es kleine und größere Tuben mit Nahtdichter, der wird einfach von innen und/oder außen (Anweisung des Herstellers beachten!) auf die Naht aufgebracht. Dies macht man am besten bei trockenem Wetter, damit das Mittel Zeit hat, auszutrocknen und zu wirken.
  • Gegen undichte Außenzelte gibt es Imprägniersprays, wobei undichte Außenzeltwände bei modernen Materialien selten auftreten. Wer allerdings mit der guten alten Bundeswehr-Dackelgarage unterwegs ist, kann das Zeug vielleicht gebrauchen. Ob es wirkt, weiß ich nicht, wenn ich aber Werbung und Realität bei Imprägniermitteln für Schuhe vergleiche, bin ich ehrlich gesagt ziemlich skeptisch, ob das Zeug etwas taugt.

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