Gut gesessen ist gut geradelt


Wohl kaum ein anderes Fahrradteil hat so direkten Einfluss auf das Wohlbefinden wie der Sattel. Grund genug, den richtigen Sattel sorgfältig auszuwählen.

Zunächst muss eines klar sein: den richtigen Sattel gibt es nicht. Den muss jede/r für sich selbst finden. Daher kann ich hier nur einige Grundgedanken formulieren.

Weitverbreiteter Irrtum: „Weich“ wird mit „bequem“ gleichgesetzt. Besonders schön ist das bei manchen Seniorenfahrrädern zu sehen, bei denen der ohnehin schon weiche Sattel so lange mit Polstern und Fellbezügen umwickelt wird, bis das Ganze schon fast kugelförmig ist. Möglicherweise ist das auf einer Kürzeststrecke sogar bequem, aber längere Distanzen wollte ich auf solch einem Sattel nicht zurücklegen. Denn über kurz oder lang ist jede Polsterung durchgedrückt und dann nützen auch sieben Schichten Lammfell nichts mehr.

Wichtiger ist, dass Sattel und Gesäß zueinander passen. Liegen die Sitzknochen weit auseinander, so kann ein zu schmaler Sattel auf Dauer nicht gut tun. Auch umgekehrt nützt es wenig, wenn der Sattel zu breit für die persönliche Anatomie ist.

Um den Abstand der eigenen Sitzknochen zu ermitteln, nimmt man sich am besten ein Stück Wellpappe und setzt sich von oben darauf, wobei man sich hinten mit den Händen abstützt (ich bitte um Verständnis, dass ich diesen Vorgang jetzt nicht mit einem Foto illustriere 😉 ). Die Gesäßknochen drücken dann als deutliche Abdrücke in die Wellpappe, sodass der Abstand leicht gemessen werden kann.

Es gibt verschiedene Materialien, aus denen der Sattel hergestellt sein kann. Einfache Modelle haben auf einer Hartkunststoffplatte eine Schaumstoffpolsterung, die von einer kunstlederartigen Plastikhülle geschützt wird. Mit steigender Qualität ist die Polsterung eventuell der Körperform besser angepasst – auch reine Damen- oder Herrensättel sind erhältlich, bei denen Aussparungen dafür sorgen sollen, dass keine Nerven durch langes Sitzen eingeklemmt und keine Blutzirkulation abgedrückt wird – es ist ja nun nicht unbedingt angenehm, wenn wichtige Peripheriegeräte einzuschlafen beginnen.

Besser als die einfache Schaumstoffpolsterung ist sicher eine ordentliche Gel-Auflage, die Stöße mildert und Druckstellen reduziert. Beim Gelsattel sollte man aber auch darauf achten, dass die Außenhülle stabil ist, sonst könnte nach relativ kurzer Zeit Gel durch einen Riss nach außen quellen. Ich hatte selbst zweimal Gelsättel, die durchaus nicht billig waren und bei denen bereits nach weniger als 3000 Kilometern die Decke kaputt war.

Am teuersten und pflegeintensivsten sind Kernledersättel. Die ersten 200-500 Kilometer auf einem neuen Kernledersattel sind auch alles andere als bequem – aber wenn sich der Sattel erst einmal ans Gesäß angepasst hat, gibt es kaum etwas bequemeres. Das von einer Schraubmechanik auf Spannung gehaltene Leder hat die Form der Sitzknochen angenommen und „passt“ fortan wie angegossen. Ein bisschen Pflege muss aber sein: der Ledersattel will regelmäßig gefettet und nachgespannt werden, und Wasser mag er gar nicht. Kommt er doch einmal in den Regen, kann man ihn vorsichtig trocknen lassen, auf gar keinen Fall aber sollte man einen nass gewordenen Ledersattel belasten – man gewöhnt sich also besser an, den Sattel durch eine Kunststofftüte oder eine Schutzhülle vor der Witterung zu schützen.

Grundsätzlich hängt die ideale Sattelform und -polsterung auch von der persönlichen Haltung auf dem Rad ab. Wer stark vorgebeugt fährt (zum Beispiel Rennradfahrer), drückt eher mit dem Damm als mit den Sitzknochen auf den Sattel und fühlt sich tendenziell auf einem härteren, schmaleren Modell wohl. Wer eher aufrecht auf dem Rad sitzt, verlagert damit mehr Gewicht nach hinten auf die Sitzknochen, hier ist es von Vorteil, wenn der Sattel hinten in seiner Breite dem Sitzknochenabstand entspricht und eine entsprechende Polsterung aufweist. Ein Besuch beim Fachhändler ist sicher von Vorteil, selbst wer sich nicht in die höchsten Preisklassen begibt, gibt dennoch nicht selten 50 Euro und mehr für einen ordentlichen Sattel aus; da sollte man sich auf alle Fälle Zeit für die Beratung nehmen. Schließlich will man auf der Reise ja nicht täglich stundenlang fluchen.

Ist der Sattel erst einmal angeschafft, muss er richtig eingestellt werden. Die heute übliche Form der Sattelstütze erlaubt eine ziemlich stufenlose und sehr exakte Einstellung.

Natürlich wird jede/r eine andere Einstellung als „richtig“ empfinden. Aber um diese zu finden, empfehle ich folgende Reihenfolge:

Zunächst wird mit den beiden Inbusschrauben, die vor und hinter der Sattelstütze von unten erreichbar sind, die Neigung des Sattels eingestellt. Soll die Sattelnase höher zeigen, dreht man die hintere Schraube hinein, also im Uhrzeigersinn und die vordere heraus, also gegen den Uhrzeigersinn. Soll die Sattelnase tiefer zeigen, dreht man beide Schrauben in die jeweils andere Richtung. Um die Grundeinstzellung zu finden, empfehle ich, den Sattel zunächst genau waagrecht zu stellen.

Um nun die Höhe einzustellen, wird die Schraube gelöst, die die Sattelstütze beim Austritt aus dem Rahmen festklemmt. Wenn diese Schraube lose ist, kann auch sichergestellt werden, dass der Sattel nicht seitlich verdreht ist, sondern gerade nach vorne zeigt.

Als erstes den Sattel ziemlich hoch einstellen, die Schraube festziehen und probesitzen. Wenn der Sattel zu hoch ist, ein kleines Stückchen tiefer stellen und erneut probieren. Grund dieser Reihenfolge: einen zu hoch eingestellten Sattel merkt man sofort – ein Sattel, der etwas zu tief ist, ist jedoch zunächst bequem, kann aber auf Dauer üble Knieschmerzen verursachen. Das stärker gestreckte Bein, also das, bei dem die Pedalkurbel gerade nach unten zeigt, sollte fast ganz durchgestreckt sein, und bei stehendem Rad sollte man mit einem Fuß den Boden ohne größere Verrenkungen erreichen können. Mit beiden Fußsohlen voll auf der Erde stehen zu können, während man im Sattel sitzt, ist hingegen unnötig und würde bedeuten, dass der Sattel viel zu tief eingestellt ist.

Stimmt die Höhe des Sattels, justiert man nun noch die Neigung, sofern man sich mit dem waagrechten Sattel nicht anfreunden kann. Grundsätzlich wird, wer stärker gebeugt radelt, den Sattel eher mit der Nase nach oben einstellen, wer aufrecht fährt, wird eher eine waagrechte oder sogar nach vorne hin abfallende Einstellung bevorzugen. Zeigt aber die Sattelnase zu weit nach unten, erhöht das den Druck auf die Arme, da man automatisch durch Gegenstützen das Abrutschen zu verhindern sucht. Beim „Einreiten“ meines Ledersattels hatte ich nach den ersten Kilometern deutlich wahrnehmbare Schmerzen in beiden Unterarmen – die Sattelnase ein paar Millimeter höher zu stellen bewirkte wahre Wunder. Zeigt die Sattelnase hingegen zu stark nach oben, so würde dies das bereits erwähnte Abdrücken von Nerven und Blutgefäßen bedeuten.

Neben der Polsterung ist auch die Federung für den Komfort verantwortlich. Ein angenehm gepolsterter Sattel nützt wenig, wenn jede Unebenheit ungebremst ans Hinterteil weitergegeben wird. So haben die meisten Sättel eine eingebaute Federung in Form von Spiralfedern, die schon einen ordentlichen Teil der Erschütterungen aufnehmen.

Zusätzlich kann man eine gefederte Sattelstütze verwenden. Die wirkt wie der Stoßdämpfer am Auto und sollte, um ordentlich arbeiten zu können, auf das jeweilige Fahrergewicht eingestellt werden. Mein Rad hatte beim Kauf eine einfache Federstütze, die mit meinem damaligen Kampfgewicht gar nicht umgehen konnte. Ich habe aus der Federstütze durch bloßes Aufsitzen quasi eine ungefederte Sattelstütze gemacht 😉 – Abhilfe schaffte hier der Kauf einer höherwertigen Airwings-Stütze mit weitem Einstellbereich.

Allerdings ist es mit der Sattelfederung wie auch mit der Federgabel: je mehr Federkomfort, desto mehr Kraft geht statt ins Vorankommen in die Federbewegung. Soll heißen: Wenn ich kräftig in die Pedale trete und dadurch mein Gesäß erst einmal auf der Federstütze nach oben gehoben wird, ist ein Teil meiner Pedalkraft, der sonst für den Antrieb zur Verfügung stünde, für diese Aufwärtsbewegung verwendet worden. Ein Grund, wieso Rennradler auf Federung weitgehend verzichten – ganz vereinfacht formuliert erreicht man ungefedert mit gleichem Kraftaufwand höhere Geschwindigkeiten oder kommt mit gleicher Ausdauer weiter voran. Man muss halt herausfinden, welcher Kompromiss zwischen Komfort und Energiesparen für einen der beste ist. Ich persönlich vermisse an meinem Rad die Federgabel nicht, möchte die gefederte Sattelstütze aber behalten.

Hier noch eine kleine Auswahl verschiedener Fahrradsättel – gesehen in freier Wildbahn 🙂

Made by Samsung DVC

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