01.03.2011 – der richtige Test eines Kurzzeit-Fahrradverleihsystems


OK, in Besancon habe ich das Prinzip „Kurzzeitmiete per Kreditkarte“ ausprobiert, allerdings eher, um zu sehen, ob es funktioniert – wirklich benötigt habe ich in der eher kleinen Stadt Besancon das Leihrad nicht.

Nun bin ich aber beruflich zweieinhalb Tage in Brüssel, wo das Verleihsystem Villo! an jeder zweiten Straßenecke mit auffällig-gelben robusten Fahrrädern lockt.

Erster Test: Dort, wo ich meinen Reisebus in Brüssel üblicherweise parke, habe ich schon solch eine Station gesehen. Nahe unseres Hotels ebenfalls. Es müsste also möglich sein, den sonst zwanzigminütigen Fußweg abzukürzen.

Nicht ganz. Man kann zwar nahe meiner Parkmöglichkeit Fahrräder leihen und zurückgeben, aber nur, wenn man bereits eine Dauerkarte oder ein Kurzzeitticket besitzt – kaufen kann man ein solches Ticket dort nicht, da die Station keinen Kreditkartenleser besitzt. Das ist aber in der Praxis nicht schlimm, die nächste Station mit Kartenleser ist nur knapp 300m entfernt und somit schnell zu Fuß erreicht.

Bei der Anmeldung habe ich die Wahl zwischen einem Eintagesticket für 1,50 Euro oder einem Siebentagesticket für 7 Euro. Obwohl es für mich für 2-3 Tage preiswerter wäre, mich mit mehreren Eintagestickets zu versorgen, entscheide ich mich für das Wochenticket. Grund ist, dass bei jedem neuen Ticketkauf ein Betrag von 150 Euro auf der Kreditkarte geblockt wird – um Villo die Möglichkeit zu geben, einen Schadensersatz zu bekommen, wenn man das Rad nicht zurückbringt. Da ich den Verfügungsrahmen meiner Karte aber nicht durch den Kauf von zwei oder drei Tickets kurz nacheinander um 300 oder 450 Euro mindern möchte, entscheide ich mich für ein Wochenticket, auch wenn ich damit ein paar Euro Grundgebühr mehr ausgebe, als notwendig wäre.

Die Anmeldung geht schnell und problemlos, das Ticket enthält eine sechsstellige Kundennummer, die zusammen mit einer Geheimzahl, die ich mir bei der Anmeldung selbst aussuchen konnte, die Ausleihe von Rädern ermöglicht.

Zum Ausleihen gibt man also die Ticketnummer und die Geheimzahl an der Station ein, sucht sich ein Rad aus, nimmt dieses aus dem Halter und radelt los. Beim Zurückbringen genügt es, das Rad beherzt in einen freien Rückgabeständer irgendwo in Brüssel zu schieben und den Signalton abzuwarten. Wer der Sache nicht traut, kann sich auch durch erneute Eingabe der Zugangsdaten an der Rückgabestation einen Beleg über die erfolgreiche Rückgabe drucken lassen.

Noch einfacher haben es – dies nur nebenbei – die Dauerkarteninhaber: die bekommen so eine Karte mit berührungslosem Chip-Transmitter und müssen gar nicht mehr an die Station, um ein Velo auszuleihen. Mit Dauerkarte geht man direkt zum Rad und legt die Abokarte auf das Lesegerät, das sich an jedem Fahrradständer befindet – das war’s.

Kostenpunkt: die Grundgebühr beträgt wie erwähnt 1,50 Euro für 24 Stunden, oder 7 Euro für 7 Tage. Jahreskarten kosten 30 Euro. Bei jeder neuen Ausleihe eines Rades kostet die erste halbe Stunde gar nichts – und in einer halben Stunde kommt man in Brüssel per Velo ganz schön weit. Hat man das Rad zwischen 31 und 60 Minuten in Gebrauch, kostet das 50 Cent, zwischen 61 und 90 Minuten 1 Euro 50. Die Preise für längere Miete weiß ich nicht, aber ich denke, dass man die im praktischen Leben auch nicht braucht.

Die Räder sind solide, pannensicher mit Schwalbe bereifte „Stadtschlampen“ mit Nabendynamo, LED-Scheinwerfer, langlebigen, aber leider nicht sehr kräftigen Bremsen und einer gut gespreizten 7-Gang-Nabenschaltung, die man im hügeligen Brüssel auch sehr gut brauchen kann.

In den Fahrradkorb passt eine Aktentasche oder auch eine Ortlieb Backroller Classic ganz gut. Das ist auch der einzige Punkt, der vielleicht verbessert werden könnte: das Hinterrad ist mit einer glatten Kunststoffverkleidung versehen, einen Gepäckträger gibt es nicht. Wer also EINE Ortliebtasche bei sich hat, kann die in den Korb stecken, eine zweite passt jedoch nicht. Vielleicht ist dies aber auch beabsichtigt, um Beschädigung der Räder durch Überladung (oder zweite und dritte Personen auf dem Träger) zu vermeiden.

Die Sattelhöhe lässt sich per Schnellspanner auch für meine Größe von >1,85m gut justieren – der Sattel selbst ist wie jeder Sattel, der nicht der eigene ist: ungewohnt und auf den durchaus nicht selten anzutreffenden Kopfsteinpflasterstrecken auch nicht so 100% bequem.

Was mir gut gefallen hat, ist die Lösung, um das Rad unterwegs außerhalb einer Villo!-Station abzuschließen und vor Diebstahl zu schützen. Schließlich musste sich der Betreiber etwas einfallen lassen, um sowohl ein Schloss anzubieten, dieses aber auch vandalensicher so zu gestalten, dass nicht an zwei von drei Rädern die Schlösser oder Schlüssel fehlen, weil Spaßvögel diese mitnehmen. Also: Das Kabelschloss ist mit einem Ende am Rad befestigt, das lose Ende steckt in einer Halterung im Lenkerkorb. Der Schlüssel steckt fest im Fahrrad, umgeben von einer Art Metallring, damit man den Schlüssel nicht versehentlich oder absichtlich abbricht. Der Schlüssel kann nur entnommen werden, wenn das Schloss eingesteckt ist. Und damit auch niemand vergisst, das Schloss zu öffnen und damit den Schlüssel zurückzugeben, bevor das Rad zurückgegeben wird, muss man beim Anschließen des Rades das Kabelschloss zwingend durch die Lasche stecken, die man zur Rückgabe des Rades in der Station einrastet. Also: den Schlüssel bekomme ich nur, wenn ich das Schloss einstecke. Das Schloss öffnen kann ich nur, wenn ich den Schlüssel „zurückgebe“. Und das Fahrrad abgeben (also meine kostenpflichtige Mietzeit beenden) kann ich nur, wenn das Schloss offen und der Schlüssel zurückgegeben ist. Ganz schön clever 🙂

Ob das Kabelschloss wirklich ernsthaften Diebstahlversuchen standhält, kann bezweifelt werden. Aber es geht wohl auch nur darum, Gelegenheitsdiebe abzuschrecken. Wer ernsthaft ein Rad stehlen wird, wird sich trotz aller Vorzüge wohl kaum für eine Villo!-Gurke entscheiden…

Ich war in Brüssel zweieinhalb Tage mit den Villo!-Rädern schneller und flexibler unterwegs, als ich das mit Bus und Tram gewesen wäre, denn die Stationen finden sich wirklich überall. Kostenpunkt: 9 Euro, davon 7 Euro Grundgebühr, eine Ausleihe von knapp über einer halben Stunde und eine von einer Stunde 26, die ich mir auch hätte sparen können, weil ich erst später gesehen habe, dass dort, wo ich dringende geschäftliche Termine hatte (an der Pommesbude „Chez Antoine“ 😉 ), auch eine Rückgabestation gewesen wäre – so habe ich das Rad halt auf mich warten lassen 🙂 Und darüber hinaus knappe dreißig Ausleihen, die alle unter einer halben Stunde gedauert haben, also gratis waren.

Ich wiederhole mein Urteil nach dem Besancon-Test: Klasse Sache!

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