09.08.2006 – von Horní Vltavice nach Žichovec


Ich „genieße“ meine 4 Minuten Warmwasser (die auf die Stunde gerechnet genau zehn mal so teuer sind wie die Platzmiete auf einem nahe gelegenen Tennisplatz) in dem Sanitär-Wellnesspalast im Stile antiken Ostblockbarocks. Und ich bin mir, obwohl keineswegs kunstsachverständig, zu 100% sicher, dass diese reliefartigen steinähnlichen Applikationen an Boden und Wandfliesen kein Stuck sind.
Nach dem Packen – natürlich ist die Wäsche nicht trocken – Verpflegung einkaufen, frühstücken und auf geht es erst nach Lenora, dann weiter Richtung Volary.
Etwa vier Kilometer vor Volary bemerke ich, dass vorne ziemlich wenig Luft im Reifen ist. Also anhalten. Leider ist meine Luftpumpe an der Seite aufgeplatzt. Kein Problem, Paketklebeband drum und pumpen. Auf einmal knackt es – die Gummidichtung der Pumpe ist samt dem Kunststoffring und dessen Gewinde abgebrochen, und drinnen steckt das Ventilschräubchen des Reifens samt dessen Gewinde. Sch… öne Sache, so was. Na ja, der Reifen hat ja noch etwas Luft, vielleicht hält es.
Es hält etwa einen Kilometer, dann ist vorne platt. Am Mahnmal für einen amerikanischen Soldaten tschechischer Herkunft, der buchstäblich in den letzten Minuten des Zweiten Weltkrieges sinnlos umgebracht wurde, habe ich genügend Platz zum Schlauchwechsel. Wie ich danach Luft in den Reifen bekommen soll, weiß ich in diesem Moment noch nicht so richtig, doch gerade als ich den Schlauch montiert habe, hält ein Radler an und leiht mir seine Luftpumpe. Man versteht sich auch ohne gemeinsame Sprache recht gut. Laut Radführer gibt es erst in 25 Kilometern ein Fahrradgeschäft, ich würde mich aber deutlich wohler fühlen, hätte ich eine Pumpe dabei. Doch bereits im nächsten Ort, Volary, finde ich ein Fahrradgeschäft, das auch Verkauf und Service von Motorrädern und Kettensägen anbietet. Dort traf ich den Ladenbesitzer, einen sehr netten älteren Herren, der gut deutsch spricht, und mir nicht nur eine solide Luftpumpe verkauft, sondern auch gleich noch etwas mit mir plaudert. Wo ich zu hause wäre, ach, Kehl kenne er, die Verwandten seiner Frau kämen aus der Nähe von Freiburg, aus Kappel-Grafenhausen.
Ich radle über mäßige Hügel weiter nach Prachatice. Erst 35 km für heute zurück gelegt, aber die Stadt gefällt mir gut, und so beschließe ich nach Geldwechsel, Kaffee und einem leckeren süßen Teilchen in einer cukrarna (Konditorei) am Marktplatz, zum 9 km entfernten Campingplatz in Žichovec zu radeln, dort das Zelt aufzustellen, um dann zurück zu radeln und mir die Stadt in aller Ruhe anzuschauen.
Ich habe ein paar Schwierigkeiten, zu der richtigen Straße zu finden. Ich frage zwei überaus freundliche Polizisten, die mir den Weg sehr anschaulich pantomimisch beschreiben. Als ich losradle, überholen mich die beiden im Polizeiauto und fahren mir tatsächlich so lange voraus, bis ich auf der 141 bin, die mich zum Campingplatz führt. So etwas sollte man daheim mal erleben!
Der Weg zum Platz ist mäßig hügelig, es geht mehr ab- als aufwärts, und wenn ich später zurück fahre, habe ich ja kein Gepäck am Rad.
Und in der Tat radelt es sich gepäcklos um Längen einfacher bergauf. Wenn ich bedenke, mit welch geringer Geschwindigkeitsdifferenz mich auf meinen Gepäck-hochquäl-Strecken die Mountainbikes überholt haben, komme ich mir gleich ein bisschen weniger unsportlich vor. Nach etwa 20 Minuten bin ich wieder im Zentrum Prachatices angekommen, an dem netten Marktplatz mit einigen sehr schönen Gebäuden, unter anderem dem Rathaus mit sehr hübscher Sgraffitti-Bemalung. Ich besuche das Museum für tschechische Marionetten und Zirkus, dessen Eintritt derzeit sogar frei ist. Auf einer Etage werden zahlreiche wunderschöne handgeschnitzte Marionetten und Bühnen ausgestellt, teils 120 Jahre alt und älter. Die zweite Etage ist dem Zirkus gewidmet, hier sind alte Zirkusplakate, Masken, Modelle und Zauberutensilien ausgestellt.
Nach dem Museumsbesuch überquere ich den Marktplatz, setze mich auf die Terrasse einer anderen cukrarna und trinke ein Glas kofola. Das ist eine tschechische Cola, die meines Erachtens um Längen besser schmeckt als die Produkte der bekannten großen amerikanische Konzerne mit ihrem gefühlten Zuckeranteil von 90% und mehr. Beim Gehen nehme ich mir noch ein Eis mit und schaue mir ein bisschen die Schaufenster an. Auch die Kirche hier ist sehr reich geschmückt. Dann fällt mir ein, wenn ich schon mal hier bin, könnte ich mir doch gleich noch im Fahrradladen einen neuen Ersatzschlauch mitnehmen – nur für alle Fälle. Der erste Fahrradladen, den ich finde, schließt um 17 Uhr, es ist aber leider schon 17.05 Uhr. Ich ziehe im Zick-Zack durch die Straßen und finde eine halbe Stunde später tatsächlich noch ein Radgeschäft – das bis 17.30 geöffnet gewesen war. Ist nicht so schlimm, morgen komme ich auf jeden Fall zur üblichen Geschäftszeit in Strakonice vorbei, und da gibt es auch Fahrradgeschäfte.
Auf dem Weg nach Žichovec komme ich an einem Supermarkt vorbei. Ich kann nicht widerstehen und kaufe mir eine dieser sündhaft leckeren fidorka. Wenn das mit meiner Süßkramfutterei so weitergeht, werde ich es wohl tatsächlich schaffen, trotz der Mittelgebirgs-Radelei noch an Gewicht zuzulegen. Na ja, und wenn schon, es ist Urlaub.
Auf halber Strecke komme ich an einem Steigungsschild „12%“ vorbei. Wenn es in Tschechien Steigungsschilder gibt, dann steht da immer „12%“ drauf. Ob die Steigung nun 8%, 10%, 15%, 20% oder tatsächlich 12% hat, ist unwichtig ist, das Schild kündigt ganz allgemein einen ungewöhnlich starken Anstieg an.
Der Campingplatz ist noch genauso leer wie am Mittag, außer mir noch drei andere Zelte, das war’s. Und der Platz ist schön, preiswert, mit gepflegten Sanitäranlagen, Duschen ist gratis, und es gibt sogar Toilettenpapier – was keineswegs selbstverständlich ist. Direkt am Platz ist ein künstlich angelegter betongefasster Badeteich, durch den das Wasser eines nahen Baches geleitet wird, welches aber für mich nicht unbedingt einladend aussieht – und es ist ohnehin etwas kühl zum Baden.
Ich gehe zum platzeigenen restaurace, tja, war wohl nichts mit Essen, die „Speisekarte“ besteht aus Bier und Cola. Da ich keine Lust habe, nochmal nach Prachatice zu radeln, koche ich mir ein Süppchen auf den Gaskocher. Die Wahl der Einlage fällt sehr schnell auf Grünkern, denn dessen Verpackung ist gerade aufgeplatzt. Dazu noch einen Instantkaffee (wer hat eigentlich genehmigt, dass das Zeug den Namen „Kaffee“ tragen darf?).

21 - Gymnasium Prachatice

22 - Marktplatz Prachatice

23 - Sgraffitoverziertes Haus in Prachatice

24 - Radlers Tankstelle - die Konditorei

25 - meinereiner

26 - zum Glueck nicht meines

27 - Prachatice

28 - leckere Kofola

29 - auf dem Weg nach Zichovec

30 - Bauernbarock

31 - ein ruhiges Plaetzchen

32 - Wellnessangebot des Campingplatzes

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