08.08.2006 – von Nýrsko nach Horní Vltavice


Aufstehen, zum Waschraum, Handy in der Küche mit Strom versorgen, die übliche Körperpflege. Der Münzautomat für die Warmdusche ist neu für mich, aber gut verständlich, das Wasser ist sehr warm und kommt mit angenehm kräftigen Druck aus der Brause. Gepäck einräumen, Schlafsack, Matte und Zelt in ihre Verpackungen zwängen. Hoppla, was ist das? Da muss mir doch tatsächlich gestern jemand einen Zeltnagel gestohlen haben – nicht nur, dass er fehlt, die dadurch lose gewordene Abspannleine wurde auch kunstvoll um einen anderen Nagel geknotet. Na ja, Leute gibt es – da kann man nichts machen. Auf dem Weg zum Lebensmittelverkauf finde ich den Nagel dann zehn Meter vom Zelt weg im Gras – es ist wohl im Dunkeln nur jemand über die Leine gestolpert und hat dabei den Nagel aus der Erde gerissen. Ich kaufe Frühstück und Vesper für den Tag und gönne mir zum Frühstück ein köstliches süßes Teilchen, unten Hefeteig, oben Pflaumenmus, Quark und Mohn. Noch schnell die Zeltnummer zurück geben, und los geht es zum nadražy, zum Bahnhof. Die Fahrkarte nach Železná Ruda (auch bekannt als Böhmisch Eisenstein) kostet für die 30 Bahn-Kilometer 40 kč (1,50 Euro) – liebe Deutsche Bahn, nehmt euch daran bitte mal ein Beispiel, dann fahre ich auch öfter mit euch. Der Zug kommt, zu dritt hieven wir mein Rad den mindestens 1,5 Meter hohen, schmalen Einstieg hinein. Den Preis für die Fahrradmitnahme (20 kč) soll ich direkt beim Schaffner entrichten, es kommt nur dummerweise keiner auf der ganzen Fahrt. Der Zug fährt stetig bergauf, die Fahrt dauert etwa eine Stunde. In Železná Ruda dann wieder das Sammelsurium aus Ramschläden, Nachtclubs und Casinos. Schade. Dafür ist ab Ortsausgang die Landschaft wieder traumhaft. In Richtung Srní, meinem ersten Zwischenziel, weist mein Radreiseführer zwei Optionen aus: durch den Wald oder über die Autostraße, was zwar mit Verkehr verbunden ist, aber 2,3 Kilometer und 40 Höhenmeter spare. Ich beschließe, Höhenmeter zu sparen. Und der Verkehr ist nur mäßig. Ständig am Naturschutzpark Böhmerwald entlang radelnd, mache ich kurz vor Prášily die erste kurze Rast. Mäßig hügelig geht es dann weiter bis Srní. Von Srní bis Filipova Hut wird es dann sehr steil, kurz vor dem Campingplatz Antýgl raste ich erneut. Der Campingplatz ist ziemlich überlaufen, und ich habe erst 40 km heute zurück gelegt. Der nächste Campingplatz ist etwa 30 km entfernt in Horní Vltavice, wobei es von diesen 30 km die ersten 8 bis Kvilda (auf 1065m laut Reiseführer Tschechiens höchst gelegene Ortschaft) ziemlich steil hinauf-, danach aber nur noch bergab geht. Klingt gut, wird gemacht. Auf dem Weg nach Kvilda muss ich dann allerdings an den steilsten Stellen gelegentlich schieben. Außer meinem Fahrrad sieht man auch nicht viele andere Räder, und die, die man sieht, sind fast durchweg gute Mountainbikes. Es ist ein um so besseres Gefühl, dann doch vor der schönen Holzkirche in Kvilda zu stehen. Ich vespere und freue mich auf die lange Abfahrt. Mal schauen, ob ich meinen bisherigen Bergab-Geschwindigkeitsrekord dieser Tour von 53 km/h (dann fing ich angesichts der Ladung und des Straßenzustands zu bremsen an) übertreffen kann.
Es geht mäßig bergab. Nach 8 Kilometern dann ein Schild – Straßensperrung Richtung Horní Vltavice, Baustelle, Umleitung von 32 km Länge. Gemäß dem Ratschlag des Reiseführers, nach dem fast immer für Radler ein Durchkommen sei, versuche ich es dennoch, fahre einige Kilometer auf nagelneuem Asphalt, muss nur im tatsächlichen Baustellenbereich ein kurzes Stück schieben, und weiter geht es abwärts.
Der Campingplatz in Horní Vltavice liegt wunderschön an einem Fluss – aber das war es dann auch schon. Das Sanitärgebäude ist mäßig bis bescheiden, 4 Minuten Warmwasser zum Duschen kosten 20 kč, und das Aussehen der Duschen übersteigt jede Beschreibung. Aber für eine Nacht geht das schon. Ich wasche ein bisschen Wäsche und hänge sie auf, in der Hoffnung, sie trocknet bis morgen. „Waschen“ ist vielleicht ein bisschen übertrieben für das Einreiben der Wäsche im Becken ohne Stöpsel unter fließend Kaltwasser mit einem Waschmitteltab, aber immerhin kann ich meine Socken nach dieser Prozedur durch eindeutig besseren Geruch als „nicht rein, aber gewaschen“ identifizieren. Kaum hängt die Wäsche, fängt es an zu tröpfeln. Juhu!
Ich gehe ins Dorf, das laut eigener Infotafel von touristisch größtem Interesse ist. Tatsächlich besteht es neben dem Campingplatz aus einer Handvoll verfallender Wohnhäuser, einer Tankstelle, zwei Restaurants, einigen Pensionen, einer Bushaltestelle, einem Oben-Ohne-Nachtclub, einem potraviny und einem Ramschladen. Insgesamt gar nicht mal so hübsch. Das Restaurant, in dem ich einkehre, strahlt durch seine Einrichtung den Charme vergangenen Sozialismus‘ aus. Dunkle Holzdielen verdüstern den Raum, ohne ihn gemütlich zu machen. Das verblichene Flair etwa 40 Jahre alter Resopaltische wird nur durch die kleinen Holzstühle Modell „Kindergarten späte 50er Jahre“ übertroffen. Der Bedienung ist deutlich anzusehen, dass sie es als ziemlich unerhört empfindet, dass da jetzt tatsächlich ein Gast kommt, die Ruhe stört und am Ende auch noch etwas essen möchte. Will er aber! Das Essen war dann ganz ausgezeichnet. Ich hatte gebackenen hermelin mit Salzkartoffeln und Salatgarnitur, dazu Bier, als Dessert köstliche Waffeln mit Heidelbeeren und Sahne, dazu Kaffee. Letzterer war jetzt nicht gerade die Offenbarung, da es sich um Instantkaffee handelte. Die Rechnung war üblich niedrig. Nach dem Essen gehe ich noch ein Stündchen in dem angrenzenden Wald spazieren, danach ziehe ich mich ins Zelt zurück. Heute war es dann doch schon etwas sportlicher: knappe 72 Kilometer, insgesamt über 500 überwundene Höhenmeter.

12 - Bahnhof in Nyrsko

13 - Ramschladen in Zelezna Ruda

14 - schoene Landschaft

15 - gutes Wetter

16 - auf dem Weg nach Kvilda

17 - schon ziemlich oben

18 - Holzkirche in Kvilda

19 - Pension Daniel

20 - die warme Moldau

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

1 × 3 =