07.08.2006 – von Furth nach Nyrsko


Aufstehen, warme Dusche. Schlafsack und Isomatte einrollen, Zelt abbauen. Dumm nur, dass ich es feucht verpacken muss. Aber was soll ich machen – ich kann ja schlecht nach jeder regnerischen Nacht auf besseres Wetter warten. Außerdem soll es ja ab heute sportlicher zugehen, ich bin ja zum Radeln hergekommen.
Kurz am Plus gehalten und Frühstück gekauft. Und los gehts. Ich merke recht schnell, dass ich als Ortenauer Flachland-Tiroler keinerlei Steigungen gewöhnt bin. Die Abfahrten sind ja recht nett, aber die Anstiege… Ich erreiche die Grenze bei Všeruby. Lange intensive Passkontrolle durch den deutschen Zoll, Abgleich mit irgendwelchen Listen. Danach eine noch längere und intensivere Kontrolle durch den tschechischen Zoll, wo mein Ausweis zwecks Erfassung gleich einmal durch einen Scanner gejagt wird. Dann darf ich rein. Hinter der Grenze das leider übliche Bild von Verkaufsläden mit ziemlich hässlichen Industrie-made-in-wasweißichwo-Gartenzwergen, gefälschter Markenbekleidung, Schuhen und so weiter. Auch Alkohol, Automatencasino und Wechselstuben mit nur geringfügig unverschämten Kursen und Gebühren fehlen nicht. Die Radwegebeschilderung ist exzellent, die Straßen sind gut, es ist nahezu kein Verkehr auf der Strecke. Die Steigungen, von mir naivem Ebenenradler nach kurzem Blick auf das Höhenprofil im Reiseführer als „gut schaffbar“ eingeschätzt, zecken mich doch ganz schön, außerdem lässt sich an meinem Rad dummerweise aus unerfindlichen Gründen der kleine Zahnkranz vorne nicht schalten. Kurz entschlossen verkürze ich die erste Etappe und lasse sie gegen halb zwei Uhr mittags in Nýrsko enden. Ist ja auch besser für das Zelt, so kann es in Ruhe trocknen. Ich steuere also den Campingplatz an und baue das Zelt auf.
Die richtig steile Teiletappe nach Železná Ruda darf dann morgen kommen. Obwohl – die nette Campingplatzwirtin erwähnte da, dass jeden Morgen um kurz nach halb zehn ein Zug nach Železná Ruda fährt, der auch Räder mitnimmt. Mal schauen. Zeltaufbau, Gepäck verstauen, Rad anschließen, jetzt will ich erst einmal in Ruhe das Städtchen anschauen. Und immerhin habe ich heute ja auch beschämend unsportliche 35 km auf dem Rad zurück gelegt.
Nach dem ersten Stadtbummel steht für mich fest, dass ich das steile Stück bis Železná Ruda morgen der ČD, der tschechischen Bahn, überlassen werde. Die Fahrt kostet nämlich für mich und mein Rad schlanke 60 kč, also umgerechnet knapp über 2 Euro.
Nachdem mein Versuch, Wechselgebühren zu sparen, indem ich am Campingplatz mit einem 50-Euro-Schein bezahlte (normalerweise gibt es dann tschechische Kronen zurück), kläglich daran scheiterte, dass man mir – ganz Kundenservice – das Restgeld in einer Handvoll Euromünzen und einigen 5-Euro-Scheinen gab, versuche ich jetzt mein Glück in einem potraviny, einem Lebensmittelgeschäft. Große Augen, als dieser dämliche Tourist, der für 73,50 kč (unter 3 Euro) zwei rohlik (hörnchenförmige weiße Brötchen), einen kleinen hermelin (Art Camembert), etwas Olmützer Quargel (ähnlich dem Harzer Roller), einen halben Liter Milch, Weintrauben und zwei fidorka (köstliche runde Süßigkeit, Waffel mit Schokofüllung und -überzug, ein Gedicht!) kauft, mit einem 50-Euro-Schein wedelt. Doppelschicht für den Taschenrechner, und schon wieder wird irgendwo unter der Kasse ein Gurkenglas mit Euro-Kleingeld hervorgezaubert. Mit Händen und Füßen gelingt es mir aber dann doch, klarzumachen, dass es mir nichts ausmache, das Wechselgeld in Kronen zu bekommen. Ich bekomme 1300 kč zurück und ziehe zufrieden weiter zu einer Ruhebank an der Uhlava, um mir mein Mittagessen schmecken zu lassen.
Als nächstes folgt der Besuch eines Buchladens, ich erinnere mich vage daran, einer ziemlich großen Anzahl von Menschen Ansichtskarten versprochen zu haben, finde tatsächlich zwanzig verschiedene. Gegenüber bei der Post besorge ich dann noch die passenden Marken dazu – mit 180 kč meine mit Abstand teuerste Anschaffung heute. Dann schlendere ich noch einmal gemütlich um das Städtchen herum und zurück zum Campingplatz. Dort noch schnell ein Gambrinus (leckeres helles Bier) gekauft, um mich für die nun folgende Kartenschreiberei zu stärken.
So, die Karten sind geschrieben, ein Mittagsschläfchen ist auch gehalten, die Sonne scheint – schön. Nur die Gangschaltung meines Rades wurmt mich ein bisschen. Wozu hat man denn das kleine vordere Kettenblatt, wenn man es nicht nutzen kann? Aber halt, ich schleppe ja auch ein kleines Taschenbuch mit allgemeinen Tipps für Radreisende mit, das wohl auch ein paar Ratschläge für Unterwegs-Reparaturen haben sollte.
So weit, so schlecht. Über die vordere Schaltung lässt sich der Autor leider nur so weit aus, dass deren Einstellung für den Ungeübten eine „sehr filigrane Angelegenheit“ sei, da man leicht zu viel verstelle. Ach ja, danke für die Anleitung! Nun habe ich ja zwecks der schweren Packtaschen einen stabilen Zweibeinständer am Rad montiert, durch den bei unbepacktem Velo das Hinterrad frei drehen kann. Nachdem ich recht schnell herausgefunden habe, dass es an der vorderen Schaltung zwei Stellschrauben gibt, eine für den „linken“ und eine für den „rechten“ Endanschlagspunkt, war es ausgesprochen einfach, nacheinander, eine Hand am Schraubenzieher, die andere am Pedal, bei drehendem Hinterrad sowohl den linken als auch den rechten Endanschlag ganz sachte stückchenweise so weit einzustellen, bis alles stimmt. Zumindest ohne Last scheint jetzt alles zu stimmen, den Rest sehe ich dann morgen bergauf. Und etwas stolz bin ich ja schon, diese Einstellungsgeschichte so fix herausgefunden zu haben.
Zum Abendessen begebe ich mich ins restaurace, ins nahe gelegene Restaurant. Das ist so, wie ich tschechische Restaurants in Erinnerung habe: gemütlich, bodenständig, rustikal, gut und günstig. Die jídelní listek, die Speisekarte, bietet eine große Auswahl an Fleisch, einige Fischgerichte, ein paar fleischlose Sachen sowie recht viele Salate. Ich nehme einen großen gemischten Salat, zwei rohlik dazu und zwei große köstliche frisch gezapfte Gambrinus – die Rechnung beläuft sich auf 84 kč, also so etwa 3,10 Euro. Danach spaziere ich in der Abenddämmerung nochmal ins Städtchen runter, in dem erstaunlich viel los ist, wenn man bedenkt, dass Nýrsko mit seinen eingemeindeten Dörfern gerade mal 5100 Einwohner hat. Viele Läden, mehrere Restaurants und Kneipen, ein Kulturhaus, abends trifft sich die Dorfjugend am Marktplatz unweit des großen Busbahnhofs und vollführt gekonnte Kunststücke auf Fahrrädern. Die Kirche ist auch sehr hübsch, mit einem reich geschmückten Altar, an dem ein kunstgebildeterer Mensch als ich sicher das ein oder andere Interessante finden dürfte.
Wieder auf dem Campingplatz, kommt kurz vor dem Schlafengehen noch die Katze der Platzwirte vorbei und holt sich ein paar ausgedehnte Streicheleinheiten ab.

03 - nicht mehr weit

04 - an der Grenze

05 - super Radwegebeschilderung

06 - erste Eindruecke

07 - wenig Verkehr

08 - kurze Rast in winzigstem Dorf

09 - Nyrsko

10 - Nyrsko

11 - Nyrsko

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

drei × 2 =